siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: January, 2013

gayromeo kann nicht deine hand halten

vor ein paar nächten hatte ich einen ziemlich emotionalen traum: ich saß in einem riesigen kinosaal. um mich herum – und der saal war voll – lauter paare. einige leute kannte ich, andere nicht. ich war der einzige, der allein war. das drückte sich sogar in der sitzanordnung aus: alle hatten zweiersitze, ich einen kleineren für mich allein. alle waren mit ihrem jeweiligen zweiten befasst. emotional und körperlich (also sehr diskret, keine für den öffentlichen raum unpassenden aktivitäten). ich war allein und mich nahm keiner wahr. dann bin ich, zum glück, aufgewacht.

an dem morgen danach hatte ich zum ersten mal seit knapp zwei wochen das dringende bedürfnisse, eine der klassischen datingseiten zu öffnen. (der hintergrund ist, dass ich vor zwei wochen etwa beschlossen habe, mir zumindest eine auszeit von diesen virtuellen orten zu verordnen, weil ich gemerkt habe, dass die mich total runterziehen). ich habe mich dann einen kurzen moment zur ruhe gerufen und überlegt, was genau ich eigentlich für ein bedürfnis habe. und siehe da: es hat mit dem, was klassischerweise auf diesen seiten zu erwarten ist, wenig zu tun.

ich wünschte mir jemanden, mit dem ich eine vertraute beziehung entwickeln kann. jetzt ist das ja blöderweise nicht so, dass das planbar wäre. aber es ist auf jeden fall so, dass die chance, so jemanden bei gayromeo zu finden, extrem klein ist. ja, ich kenne paare, die sich da kennengelernt haben. und ich kenne die erfolgsgeschichten, die dort präsentiert werden. ich bin mir aber sehr sicher, dass das eher ausnahmen oder zufälle sind, die nicht wegen gayromeo entstehen konnten sondern trotz. um das mal zuzuspitzen.

was mir dann so im kopf rumging, war sehr viel. ich habe einige der optionen, die mir das netz so anbietet, genutzt. solche, bei denen es um partnerschaft ging, solche, bei denen es um sexdates ging, solche, bei denen man angeblich alles findet. funktioniert haben sie alle nicht für mich. das wäre jetzt zu erörtern, was genau der punkt ist, aber ich bin mir sicher, dass ich da nicht viel weiter kommen würde, denn: ich agiere, wie ich eben agiere. und ich bin nicht besonders strategisch. ich sage, was ich denke und was ich suche. und offensichtlicht haben die unterschiedlichen portale kommunikations”regeln”, die es einzuhalten gelten würde, wenn man da was erreichen will.

wie auch immer. der punkt ist eigentlich ein anderer: mir geht es darum, dass ich inzwischen verstanden habe, dass ich etwas suche, das es vielleicht virtuell nicht so ohne weiteres geben kann. klar, sex ist nett und natürlich hätte ich gern sex. aber was ich mir wünsche, ist etwas viel simpleres und dabei vielleicht auch viel schwierigeres: ich wünsche mir, dass ich jemanden kennenlerne, der an mir interesse hat und ich an ihm. interesse, das mehr als eine halbe stunde oder stunde andauert und interesse, das auf entwicklung orientiert ist.

also jemand, dessen hand in meiner hand bedeutung bekommt. und das kann gayromeo nicht

so. eigentlich auch: nicht anders

dem füge ich nichts hinzu.

der menschliche makel

wenn ich mir liebsgeschichten anschaue oder welche lese, dann fällt mir auf, dass in vielen dieser geschichten beziehungen durch die existenz eines dritten bederoht werden. einer von beiden beteiligten partnern verliebt sich in einen dritten oder andersrum, einer geht zumindest mit einem anderen ins bett oder was auch immer.

wenn ich darüber nachdenke, dann frage ich mich, wie das kommt. also nicht, dass daran beziehungen zumindest in schwierigkeiten geraten können. das ist naheliegend. sondern: wie geschieht es eigentlich, dass jemand, der mit jemand anderem zusammen ist, sozusagen immer noch begehrlich für andere personen ist. und andersrum: warum sind leute, die nicht mit jemand anderem zusammen sind, nicht begehrlich für andere personen?

hypothesen könnte ich jetzt dazu mehrere entwickeln. mich beschäftigt aber eher die frage, ob das singlesein tatsächlich wie ein makel an einem menschen klebt. ihn in seiner ausstrahlung oder seiner wirkung verändert. und vom gefühl her, mehr ist es nicht, sehe ich das genau so. darin steckt sicherlich auch die gesellschaftliche anforderung an den menschen, im paar zu sein, das ist keine frage. auch wenn die schöne bunte warenwelt sich zunehmend auf singlehaushalte hin orientiert, ist das zusammensein, das zu mehreren sein das attraktivere. nicht umsonst ist der tag der eheschließung der “schönste im leben” (oder soll es zumindest sein) und nicht umsonst fokussiert ein tei der homobewegung die gleichstellung von gleichgeschlechtlichen partnerschaften mit der ehe (was nachvollziehbar ist – aber genauso eben eine bestimmte gesellschaftliche idee reflektiert). anders gewendet: zu zweit sein und zu zweit bleiben ist der gesellschaftliche königsweg. das muss nicht zwingend mit der realität der einzelnen menschen zusammenfallen. es ist eine idealvorstellung.

lege ich diese zugrunde und überlege dann, was das für singlemenschen bedeutet, dann komme ich relativ einfach dazu, dass singlesein ein status ist, der vor allem schnell behoben werden muss. das deckt sich auch erstmal mit meinen wünschen: ich möchte kein single sein sondern mit jemand zusammen leben gestalten. aber, und das ist der spannende punkt, die vorannahme ist auch, dass jeder mensch in der lage ist, im paar zu leben und es auch einen entsprechenden partner gibt. der klassische deckel, der auf den individuellen topf passt ist also nur eine frage der richtigen suche, der geduld oder was auch immer. und genau an der stelle wird es vermutlich brisant, denn: wenn du keinen partner hast (und in meinem fall: schon sehr lange keinen mehr hast), dann hast du was falsch gemacht oder mit dir stimmt was nicht. oder ganz großzügig: auch beides. und genau das ist das, was vermutlich wie ein kleiner fleck auf einem singlemenschen klebt. interessant ist selten das verfügbare und meistens das, was nicht erreichbar ist. und wenn du für eine beziehung, wie auch immer geartet, verfügbar bist, dann wird an dir etwas sein, das dazu führt. wenn du jemanden hast, dann steigt der wert des interesses. du bist begehrenswert – es wert, begehrt zu sein, weil eben nicht verfügbar.

manchmal wirkt das für mich wie ein teufelskreis. und zwar einer von den gut gemachten, aus denen man nicht mehr so einfach rauskommt. und in denen man drin ist, obwohl man nie reinwollte

wünsche

ich habe in den letzten tagen viel nachgedacht, was genau ich mir eigentlich wünsche. also in bezug auf eine partnerschaft. und ich habe gemerkt, dass das ein viel komplexeres thema ist, als es mir bisher erschien.

natürlich habe ich eine ungefähre vorstellung von dem, was mir gut tut. und auch von dem, was mir nicht gut tut. ich weiß in etwa, welche politischen meinungen, arten der freizeitgestaltung und auch welche wertvorstellungen für mich funktionieren und welche nicht. und natürlich habe ich auch einen typ mann, nach dem ich mich auf der straße relativ zuverlässig umdrehe, wenn so einer an mir vorbeikommt.

und je länger ich darüber nachgedacht habe, was ich mir wünsche, desto klarer wurde mir, wie sehr ich schon in den kategorien von partnersuch-websites denke. dass ich eine liste mit attributen habe, die ich irgendwie wichtig finde, dass mir bestimmte eigenschaften besonders gut zu pass kommen würden und so weiter. ich habe also in meinem kopf schon angefangen, menschen in ihre eigenschaften zu zerlegen und mir dann aus diesen eigenschaften einen idealmenschen zusammengestellt. ein bisschen wie im katalog. und genau so funktionieren ja die datingseiten auch – es sind kataloge, deren inhalt ich mir nach bestimmten eigenschaften zusammenstellen und anzeigen lassen kann. ob es sich nun um sexuelle vorlieben oder freizeitgestaltung handelt, je nach plattform gehen auch kombinationen und ausschlussmerkmale.

wenn ich ehrlich bin, habe ich mich erschrocken. also mir ist klar – die vorstellung des idealen gegenübers ist kein phänomen der netzgesellschaft. das gab es schon früher. aber ich glaube, dass die virtuelle welt diese zerlegung von menschen in aspekte sehr fördert. weil sie uns ein angebot präsentiert, das sich permanent verändert. die these, dass es doch immer noch jemanden geben könnte, der besser passt, scheint mir auch bedenkenswert.

auch die unaufhörliche flut an bildern, so scheint mir, ist problematisch. wer nackte männer sehen will, am besten noch wahnsinnig muskulös oder zumindest aber schlank und ein bisschen athletisch, der hat im netz unglaublich viel auswahl. auch hier kann der noch so seltene fetisch befriedigt werden. haarfarben, rasuren, accessoires, körperhöhe, bullig oder zierlich, in shorts, komplett bekleidet, komplett nackt, gefesselt oder nicht, alleine oder in der gruppe… diese liste endet nicht. das problem – und da scheint mir die strukturelle ähnlichkeit zu liegen – auch wenn wir wissen, dass die meisten der abgebildeten menschen eine digitale bearbeitung bekommen haben, suggeriert die menge an diesen bildern eine art normalität. abgebildet werden also nicht menschen wie du und ich, sondern glatte oder zumindest relativ makel-lose körper. und da können gutgemeinte versuche wie dieser hier auch nicht viel ändern.

wenn ich diesen befund konsequent zu ende denke, bedeutet das an sich, dass wir immer weniger offen für andere menschen sind, die wir einfach irgendwo kennenlernen (wobei auch das ein eigenes thema wäre – also die genauere bestimmung des “irgendwo”), weil es viel leichter zu sein scheint, sich mit dem kriterienkatalog aus dem netz den richtigen zu suchen. und zu hoffen, dass noch ein besserer kommt. beides ist, zumindest aus meinem erleben gesprochen, illusorisch. wir lernen uns im netz nicht kennen. virtualität ist keine realität – und menschen nicht nur zeichen.

ich wünsche mir also, dass ich mehr menschen kennenlerne. in echt. einfach so. in der straßenbahn, beim einkaufen oder im kino. und ich wünsche mir menschen, die offen für andere menschen sind. zum beispiel in der straßenbahn, beim einkaufen oder im kino. deshalb habe ich meine “profile” in den gay-netzwerken erstmal stillgelegt. und mir ein paar mal das video mit dem rosa song angeschaut. ich bleibe gespannt. und werde berichten.

einsamkeit

zu sagen, dass man einsam ist, kommt einem bekenntnis gleich. einsamkeit ist nicht sexy, nicht cool, nicht besonders attraktiv. sie passt so gar nicht in eine zeit, in der wir alle permanent aufgefordert sind, uns selber zu optimieren und entsprechend alles, was uns nicht gelingt, darauf zurückzuführen ist, dass wir die falsch wahl getroffen haben. dass wir es nicht geschafft haben.

wenn ich sage, dass ich einsam bin, dann mache ich öffentlich, dass es in meinem leben bereiche gibt, die nicht so sind, wie ich sie gern hätte. und zwar bereiche, die ängste in anderen menschen berühren können. einsamkeit ist nicht nur nicht cool, sie ist auch bedrohlich. oder andersherum: in zeiten, in denen soziale einbindung – sei sie virtuell oder real – eine wahrhaftige ressource geworden ist, gleicht das bekenntnis zur einsamkeit einer partiellen emotionalen und sozialen insolvenz.

was bedeutet das nun? einsamkeit bedeutet für mich, dass ich für niemand anderen der wichtigste mensch bin. das klingt zunächst narzisstisch, ist aber bei näherem hinsehen ein ziemlich gewöhnliches bedürfnis. kinder können dann urvetrauen entwickeln, wenn sie sich geliebt fühlen. und das zunächst einmal in der tat auf eine bedingslose weise. ich habe dieses bedürfnis lange unterschätzt. vor jahren war ich mir sicher, dass eines tages ein mensch in meinem leben auftauchen wird, mit dem ich eine enge und vertraute beziehung eingehen will. und er mit mir. diese sicherheit hat sich als fehlschluss erwiesen. dieser mensch war nie da. ist nie aufgetaucht.

ich habe natürlich freund_innen. für mich sind sie alle sehr wichtig, ich habe zum teil sehr enge, intensive freundschaften, die mir viel bedeuten. aber auch hier ist es so, dass die meisten von meinen freund_innen in einer partnerschaft sind. und die paar, die es nicht sind, sind es gerade eben nicht mehr oder fast schon wieder. das bedeutet, dass der erste platz bei all diesen menschen an jemand anderen vergeben ist.

dazu zunächst: mir ist das vollkommen klar und ich hätte auch nie den anspruch, dass jemand, der mit mir befreundet ist, mich wichtiger als den eigenen partner nimmt. ich liebe meine freund_innen und wünsche ihnen allen so viel glück, wie sie gerade noch vertragen können. ich würde es vermutlich genauso handhaben. und dass das für mich eine schmerzliche und sich immer wiederholende erfahrung ist – also der schon klassische ewige zweite zu sein – ist der ambivalenz geschuldet, die in menschlichen beziehungen eben vorkommt. soweit.

kehre ich an den anfang dieses gedankens zurück, also zu der feststellung, dass ich einsam bin und dass das für mich bedeutet, für keinen anderen menschen der wichtigste andere mensch zu sein, dann merke ich, dass es sich dabei vor allem um kleine sachen handelt – den alltag besprechen. sich aufeinander freuen. den anderen überraschen. gemeinsam zu planen. eine beziehung zueinander entwickeln. schwierige momente zu haben und zu meistern. sich am bahnhof abholen. und so weiter. will sagen: es geht nicht um die große hollywood-nummer mit 1000 luftballons und plakatwänden voller liebesschwürde, es geht darum, teile des lebens gemeinsam zu leben. aufeinander zu verweisen. zu wissen: da ist jemand, den interessiert das, was ich zu sagen habe. der will das wissen. der freut sich, wenn ich da bin. der kritisiert mich, wenn er nicht mit mir einig ist. dem bin ich so viel wert, dass er sogar einen konflikt mit mir durchsteht.

natürlich ist das verkürzt, idealistisch und vielleicht sogar schwärmerisch. aber trotzdem merke ich, dass ich mir so sehr wünsche sagen zu können: ich bin nicht mehr einsam

virtuelles begehren

eine einfache variante der herstellung oder zumindest anbahnung sexueller kontakte für schwule männer (vermutlich für viele andere menschen auch) bieten spezialisierte internetportale an. die aussage ist klar: hier findest du alles. und jeden. und auch den, der zu dir passt. oder mit dem du zumindest ein paar nette stunden verbringen kannst. jetzt oder gleich oder morgen.
eine schöne idee und der vorstellung autonomer, selbstbestimmter individuen sehr nahe kommend.
in der praxis sieht es anders aus.
die gängigen portale arbeiten mit profilen, die, so die idee, als anfangsmoment der kontaktaufnahme gedacht sind. dort kann man sich präsentieren, bilder zeigen, sexuelle präferenzen angeben, den eigenen suchradius festlegen und dann hoffen, es geschafft zu haben, ein profil zu erstellen, das andere menschen im gleichen portal anspricht. nun haben sich bestimmte routinen in den netzwerken schwuler sexsuche etabliert: zum einen möchte jeder gern angeschrieben werden, aber niemanden anschreiben. zudem ist es wesentlich, den anderen bereits vor der kontaktaufnahme zu signalisieren, dass man sich keinesfalls mit jedem kommunikativ auseinandersetzen wird und dass mit einer antwort, wenn überhaupt, dann nur zu rechnen sei, wenn interesse besteht. (einen sehr spannenden beitrag dazu findet man hier)
spannend sind dabei mehrere aspekte. viele leute schrecken vor rassismen (“keine asiaten!”) und anderen ausgrenzenden aussagen (“keine dicken”, “keine tunten”, “keine spinner” etc.) nicht zurück. gerade für sexuell orientierte kontakte werden leute gesucht, die möglichst unkompliziert, immer verfügbar und natürlich zu allem bereit sind. damit wird, und das scheint mir ein wesentlicher punkt zu sein, eine der kapitalistischen warenlogik analoge struktur hergestellt: gesucht wird das genau passende produkt, das in dem moment des erwerbs verfügbar ist und das man sich nach den eigenen vorstellungen auszusuchen wünscht. nun ist das an sich kein zu verurteilendes unterfangen, im zusammenhang mit sexuellen begegnungen auch kein neues phänomen. neu ist, dass im gegensatz zu realen veranstaltungen, die menge an verfügbaren produkten unendlich zu sein scheint. die idee, dass es “noch besser kommen könnte” ist durch die virtualität präsent. gleichzeitig ist jeder potentielle konsument gleichzeitig auch produzent. das produkt, um das es hier letztlich geht, ist mehrdeutig: es ist sowohl der sexuelle kontakt, aber es beschreibt sich auch über die qualitäten dessen, mit dem dieser kontakt zustanden und im besten falle vollzogen werden soll. gleichzeitig steht jeder, der aussucht, auch in der situation des “ausgesucht werdens”. diese doppelstruktur, die in den eigentlichen wunsch nach sex eingelassen ist, führt, das wäre meine interpretation, oft dazu, dass menschen zur wiederherstellung ihrer eigenen integrität (die zum beispiel durch viele ablehnungen beschädigt wurde) selber beginnen, abzulehnen. die struktur des “nicht anschreibens” und “nicht antwortens” wird damit zu einer konsequenz der reduktion des menschlichen zu einer ware, die – so suggeriert es der virtuelle raum – in einem unendlichen prozess des wettbewerbs steht, direkt (auch über die portale selber) und unendlich oft verglichen wird und damit permanent gefährdet ist, aussortiert zu werden. um diese (und sei es nur eine potentielle) verletzung zu heilen oder zumindest zu minimieren, wird “ablehnen” zu einer dominanten strategie.
mir geht es dabei nicht um moral. natürlich bleibt die frage nach dem, was im miteinander oder zwischenraum von menschen stattfindet. anders gesagt: es gibt etwas unhintergehbares, das sich nicht virtuell fassen und erleben lässt. die virtualität verschiebt also das begehren in einen nicht endenden wettbewerb potentieller begehrlichkeiten, der natürlich mit der sorge einhergehen muss, das noch bessere zu verpassen, wenn man sich festlegt.
problematisch finde ich, dass dabei offensichtlich mechanismen der ausgrenzung und ablehnung in einem viel größeren ausmaß tolerierbar zu sein scheinen, als das in einem realen sozialen kontakt der fall wäre. meine vermutung ist, dass dieses phänomen ebenso bedingung und folge der transformation von menschen in warenähnliche profile, in scheinbar vergleichbare parameter ist.

Über das Kennenlernen

In einer liberalen Umgebung zu leben, die nur wenig offensichtliche Homophobie kennt, hat, das muss man ehrlicherweise sagen, Vor- und Nachteile. Die Vorteile liegen vor allem in der möglichen Offenheit. Auch wenn schwule Paare hier nicht zwingend zum Stadtbild gehören, erregen sie durch ihr Auftauchen eher wenig Aufsehen. Es gibt einen leidlich politischen CSD, eine alternative Szene, schwullesbische Kurzfilme und so weiter. Unaufgeregt also. Beruhigend. Und damit in gewisser Weise auch erfreulich.

Die Nachteile liegen allerdings näher, als man denkt: durch die Normalisierung (die zu begrüßen ist), fehlt es an der Notwendigkeit, Gemeinschaft herzustellen. Das, was früher die Szene war, so schwierig und kompliziert sie gewesen sein mag, beschränkt sich heute auf Gruppen für Jugendliche und Schwule über 50, auf gemeinsame Freizeitaktivitäten dieser Gruppen und die CSD-Vorbereitung. Aktiv sind wenige, man kennt sich aus diversen Zusammenhängen. Will man andere Leute kennenlernen, die auch schwul sind, gibt es letztlich drei Möglichkeiten: Cruising, so man es mag. Partys, die sich vor allem durch einen hedonistischen Jugendwahn und wenig Offenheit für über 30-jährige auszeichnen und das Internet mit seinen bekannten Portalen zur Anbahnung wie auch immer gearteter Kontakte. Diese Portale zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass möglichst jeder angesprochen werden will, niemand andere anspricht und es wesentlich ist, aus dem Stand die gesamte Palette sexueller Aktivitäten zu beherrschen und ausführen zu wollen. Selten entstehen gute, interessante Kontakte – vermutlich ist der Raum für Projektion auf die anderen viel zu groß.

Ich – und vermutlich viele andere – scheitere an diesen Möglichkeiten. Cruising ist nicht meine Welt, Partys sind mir in der Regel zu laut, zu voll und in der Tat auch zu spät. Internetkontakte, das ist schiere Erfahrung, funktionieren für mich nicht.

Ohne im Selbstmitleid zu baden – darum geht es nicht – stellt sich für mich in der Tat die Frage, wo Leute, die schwul und Mitte dreißig sind, Leute kennenlernen, die schwul und Mitte dreißig sind. Die klassischen Bereiche – bei der Arbeit, beim Sport oder sonstigen Hobbys – haben sich bisher als wenig einträglich erwiesen. Und ich bin mir relativ sicher, dass mehrere Leute in meinem Alter genau in dieser Situation leben, sich also auch fragen, wie und wo sie andere schwule Leute kennenlernen können. Eigentlich absurd. Und vor allem schade. Und oft schwer auszuhalten.

Guten Abend.

Ich bin Phillip. Mittdreißiger. Schwul. Single seit vielen Jahren. Ich lebe in einer durchschnittlichen Großstadt, die zwar Szenelokale aber sonst eher wenig Treffpunkte besitzt.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ein Blog eine gute Möglichkeit ist, bestimmte Erfahrungen und Erlebnisse mit mir selbst, dem Schwulsein, dem Singlesein, dem Leben als solchen zu verarbeiten. Und inzwischen denke ich, dass es eine gute Möglichkeit ist. Ich kann nicht einschätzen, ob, und wenn, wer das, was mir einfällt, lesen wird. Vielleicht reicht das Schreiben. Aufschreiben und aufschreien, so hat Rose Ausländer formuliert, ist bisweilen gleichbedeutend.