siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: February, 2013

Heutige Erkenntnis

ich glaube, ich fehle nicht. also niemandem so richtig. in keinem anderen leben. weder tatsächlich noch potentiell.

fitness

vielleicht sollte ich einfach nicht mehr ins fitnessstudio gehen. ich meine, ich mach das an sich ganz gern und finde es auch erholsam, mich nach viel geistiger arbeit mal mit dem rest von mir selber, also dem teil, der unterhalb des kopfes anfängt, zu befassen. der befasst sich nämlich sonst irgendwann mit mir. und das geht meistens nicht gut aus.

aber dennoch. mein fitnessstudio birgt problematische bereiche – aus dem einfachen grund, weil es eben ein fitnessstudio ist. zum beispiel sind da sehr viele, sehr große spiegel. die haben in der regel den sinn, dass man sich bei bestimmten übungen beobachten und kontrollieren kann. also gut, richtig, wichtig. aber viele spiegel bedeuten eben auch: ich muss mich permanent sehen. das ist schon zuhause nicht immer so der knüller, aber da weiß ich, wo der eine spiegel hängt und kann es lassen, wenn ich merke, das tut mir gerade nicht. im studio geht das nicht. und dann sehe ich mich und natürlich auch diverse andere leute die auch gerade eine übung machen und sich dabei kontrollierend beobachten und dann fällt mir meistens sehr schnell wieder ein, warum spiegel schwierig für mich sind: sie lösen in mir sofort ein defizitgefühl aus. ich habe keinen besonders idealen körper. auch keinen besonders schrecklichen. aber einen, dem man ansieht, dass der schon eine weile leben hinter sich gebracht hat und nicht jeder sturm ohne rückstände an ihm vorüberging. das aber bleibt natürlich verborgen. was sichtbar ist, ist ein jetzt-zustand. und der ist, zumindest in meiner wahrnehmung, meistens den anderen ist-zuständen, die ich da sehen kann, defizitär.

ein klassischer rat an der stelle ist dann meistens: du musst dich akzeptieren, wie du bist. okay. das ist mir einleuchtend. aber leider verstehe ich nicht, wie das gehen soll. ich würde mich wahnsinnig gern akzeptieren, wie ich bin. und mich einfach toll finden können. und keine zweifel an meinem aussehen haben müssen. wirklich. aber bisher konnte mir keiner sagen, wie das geht. nur, dass es wohl wichtig wäre. dass es mir so schwer fällt, das sehe ich ein, hat etwas mit mir und meinem leben zu tun. das kann ich aber nicht mal eben so ändern.

die andere sache ist natürlich, dass ich mir wahnsinnig viel und oft vornehmen kann, dass ich gut aussehe, wenn aber der gefühlt größte teil meiner umwelt das gegenteil suggeriert, dann ist das irgendwie nicht so einfach zu bewerkstelligen. und damit meine ich nicht nur die verbrecher von hosengrößenerfindungsmafia und die, die entscheiden, dass männer auf bildern und im fernsehen immer irgendwie ähnlich aussehen und damit extrem selten so wie ich (und ja, ich weiß, das sind medien und keine realität. aber es haut trotzdem rein). damit meine ich schon auch das gefühl, eben seit vielen jahren von keinem (für mich relevanten) menschen wirklich attraktiv gefunden worden zu sein. ich hätte früher nicht gedacht, dass mir das einmal wichtig sein könnte. aber ich glaube, es ist ein zentraler aspekt dieses spiels. also natürlich freue ich mich, wenn leute, die ich kenne, mir sagen, dass gut aussehe oder dass meine augen so spannend sind oder dass ich was tolles ausstrahle und so. wirklich. und das tut mir auch gut. aber offensichtlich geht all das nicht so weit, dass jemand so viel interesse an mir entwickelt, dass da mehr entsteht.

und wenn ich dann in der umkleidekabine des fitnessstudios mal wieder das große glück haben, zwischen drei idealisierten körpern rumzustehen und mir überlegen muss, ob ich mich trauen kann, mein t-shirt zu wechseln… dann stellen sich mir noch mehr fragen. denn natürlich wäre ich wahnsinnig gern unglaublich autonom und selbstbewusst, so, dass es mir egal sein könnte, wie alle anderen um mich herum aussehen. es scheint ja leute zu geben, die das können. ich bin keiner von denen. vielleicht ist das das gleiche gefühl wie früher im schulsport. wenn die “guten” darüber gestritten haben, wer mich in seine mannschaft aufnehmen muss und damit ein erhöhtes risiko hat, zu verlieren. und der sportlehrer dann sagt: wenn ihr ihn nehmt, kriegt ihr einen guten zusätzlich. aber da sollte ich ja nun wirklich langsam mal drüber sein. oder?

würde

noch eine weitere beobachtung zum thema datingportale. wie bereits gesagt: ich befinde mich gerade in einer phase der nicht-nutzung von virtuellen umwelten wie gayromeo oder gayroyal. und genau das scheint in mir denkprozesse hervorzurufen, die sich mit dieser form der kontaktaufnahme befassen. und es bleiben auch immer wieder fragen übrig.

vorweg: ich habe nichts gegen sexdates. die meisten, die ich in meinem leben hatte, waren gut und erfreulich. einige auch nicht – das dürfte aber einer gewissen üblichkeit unterliegen. virtuelle performance und reale begegnung scheinen nicht immer zueinander zu passen. wenngleich ich mich schon manchmal gefragt habe, warum menschen mit bildern und alter schummeln – gerade beim sex ist vertrauen wichtig. und das entsteht bekanntlich nicht durch lügen.

was mich aber zentral beschäftigt, ist noch einmal der charakter der datingplattformen und wie dieser auf die einzelnen personen, die sich in ihnen bewegen, wirken kann. es handelt sich nicht um verallgemeinerbare aussagen sondern eher um einen relativ simplen gedanken. wie ich bereits vor einigen wochen schrieb, denke ich, dass wir uns in eine warenförmige performance bringen, wenn wir ein profil im datingkosmos anlegen. warenförmig, weil ein unglaublicher vergleichsprozess in gang gesetzt wird, der selten zu einem guten ergebnis führt. die hoffnung und das versprechen, dass doch noch etwas besseres, geileres, spannenderes oder schöneres am horizont des blauen sexhimmels auftauchen könnte, bringt viele dazu, sich nicht einzulassen. vage zu bleiben, vereinbarte treffen zu canceln oder sie einfach nicht wahrzunehmen. das ist die eine seite. die andere ist, dass wir uns so selber entwürdigen. wir stellen uns aus. möglichst wenigstens halbnackt. geben unsere körperlichen merkmale an, offenbaren unsere sexuellen wünsche. wir werden zu ungewollten exponaten der eigenen triebexistenz. vergleicht man einige der profile, dann fällt eine gewisse austauschbarkeit ins auge. hier ein torso, da ein rücken. viele zeigen ihr genital lieber als ihr gesicht, lassen sich in sm-situationen ablichten oder, besonders beliebt, im holocaust-mahnmal. diese ähnlichkeiten zementieren den entwürdigenden charaker unserer selbst: wir sind zu weiten teilen unserer individuellen eigenheiten entkleidet. witz, funkelnde augen oder liebevolle gesten lassen sich nicht ungebrochen in ein profll transportieren. sie kommen nicht vor. und so werden wir dort, egal mit welch hehren zielen wir angetreten sind, immer auch ein stück fleisch. verfügbar, vergleichbar, optmimierbar.

ein bekannter hat mir vor einiger zeit auseinandergesetzt, dass die körperliche optimierung in seiner wahrnehmung eine der wesentlichen anforderungen in der heutigen zeit darstellt und dass kein mensch mehr darum herumkommt. notfalls müsse man eben zum chirurgen gehen. (wohlgemerkt: besagter bekannter ist knapp unter dreißig). nachdem ich das innerlich zunächst auf distanz bringen musste, habe ich gemerkt, dass mir zunehmend andere dinge wichtiger werden. der verzicht auf blaue seiten, der inzwischen kein verzicht mehr sondern ein gewinn ist, hat meinen blick auf menschen menschlicher gemacht. natürlich gibt es körper, die mir gefallen. und manchmal sind das auch idealisierte körper. aber kein noch so scheinbar gut gebauter oberkörper kann ein tolles lachen, eine ergreifende wärme oder andere menschliche qualitäten ersetzen. allerhöchstens unterstreichen. derlei aber kann man auf profilen nicht sehen oder abbilden. dabei wäre genau dies die eigentliche aufgabe: in würde aufeinander zugehen können

hey you

seit einiger zeit übe ich mich erfolgreich und ohne große schwierigkeiten darin, seiten wie gayromeo oder gayroyal nicht mehr zu besuchen. weniger, weil ich finde, dass solche seiten generell blöd sind. sondern weil ich an mir zwei dinge gemerkt habe: zum einen werde ich schnell unzufrieden, wenn ich mich auf diesen seiten bewege. schnell habe ich den eindruck, dass es eine mischung aus supermarktfleischtheke, eitelkeitenjahrmarkt und testlabor für die eigenen chancen ist. das nervt mich, weil dadurch natürlich kaum wirkliche kontakte zustande kommen und es meistens darum zu gehen scheint, ob man theoretisch ein date haben könnte. zum anderen habe ich an mir gemerkt, dass ich wenig aufmerksam für die menschen war, die ich auf der straße, im zug oder sonstwo offline gesehen habe. meine gedanken waren, wenn ich unterwegs war, meistens schon wieder auf einer blauen seite. inzwischen kann man die ja auch prima mobil mitnehmen und muss nie wieder offline sein. warum auch immer.

im ergebnis – auch wenn das jetzt verbittert klingt – tut es sich nichts. ob ich niemanden kennenlerne, wenn ich dort nicht online bin oder niemanden kennenlernen, wenn ich dort online bin unterscheidet sich in wahrheit nur durch die menge der verbrauchten zeit.

für mich positiv ist aber in der tat, dass ich mehr aufmerksamkeit für die menschen im echten leben habe. also so verstanden, dass ich sie wahrnehme, sie mitkriege. das hat durchaus unterschiedliche effekte. einer dieser effekte ist erstmal, dass ich viel mehr unterschiedliche menschen erkenne. also dass ich sehe, dass nicht die meisten menschen einen sixpack haben oder sonstwie normiert aussehen. das könnte auch daran liegen, dass im echten leben die meisten personen angezogen bleiben und ihr gesicht nicht verstecken können. was ja auf diesen protalen eine der größten unsitten ist. diese unterschiedlichkeit erlebe ich als etwas sehr spannendes. ich würde mich immer als jemanden beschreiben, der offen für unterschiede ist, trotzdem scheint die virtuelle umgebung meinen blick auf andere menschen verengt und eingeschränkt zu haben.

schwierig hingegen ist, dass ich den eindruck habe, dass viele menschen sehr verschlossen durch die welt gehen. eingepackt in kopfhörer, die konzentration beim handy. als ob es wichtig wäre, sich gegen die welt abzuschotten, sich zu schützen, sich in seiner eigenen kleinen blase zu bewegen, die niemand anderen an einen ranlässt. ich habe mir heute morgen vorgenommen, dass ich versuchen will, kontakt zu anderen menschen aufzunehmen, ohne aufdringlich zu sein. entschieden habe ich mich für männer, die auf mich spannend wirkten. ob nun einfach so, erotisch, körperlich. irgendwie eben. da ich heute viel unterwegs war, also eine gute chance. das ergebnis hingegen hätte selbst ich nicht erwartet. von den immerhin 13 leuten, die ich angelächelt habe (das war meine kontaktaufnahme), hat keiner (!) positiv reagiert. es gab einige, die mich böse angeschaut haben, die meisten haben mich schlicht ignoriert. neben der tatsache, dass ich nicht weiß, wie oft ich das aushalten kann, quasi so direkt abgelehnt zu werden, finde ich das erstaunlich. ich freue mich immer, wenn mich jemand anlächelt. manchmal entsteht ein gespräch daraus. manchmal nicht. aber offensichtlich kann selbst ein freundliches lächeln bereits als unerlaubter eingriff in die eigene privatheit verstanden werden. oder als gefahr.

und so stellt sich mir einmal mehr die frage: wo lerne ich andere schwule männer kennen? das netz scheint für mich nicht zu gehen. im echten leben ist es offensichtlich zumindest sehr schwierig. party- und discoveranstaltungen sind nicht meine welt. ich mag die musik nicht und stehe nicht auf schaulaufen.

für heute habe ich mieses gefühl in mir. und ein ziemlich großes fragezeichen.

der wahrhaftige körper.

ein kennzeichen unserer zeit ist, dass wir glauben, dass körper wahrheit vermitteln. wenn wir einen körper sehen, dann “wissen” wir, welchem geschlecht der mensch angehört, ob er dick oder dünn, alt oder jung, arm oder reich und so weiter ist. die moderne medizin schaut heute nicht nur auf den körper sondern sogar in ihn hinein und behauptet, vermittels ihrer objektiven erkenntnisse, krankheiten sehen zu können. diese idee wiederum behauptet, schon immer wahr gewesen zu sein. gerade in der medizin ist das durchaus ein spannender punkt: lange galt die heilkunst als etwas, das mit dem gefühl der menschen für sich selber zu tun hat. ärzte im 16. und 17. jahrhundert berührten patienten nicht sondern hörten ihnen zu und versuchten das, was ihnen gesagt wurde, in medizinisches wissen zu übersetzen. (es geht nicht darum zu sagen, dass das nun unbedingt besser war. aber darum, dass nicht alles, was heute als wahr gilt, mit einer eigenen geschichte zu versehen – und so ein anderes verständnis zu bekommen).

so weit. nun hört die wahrheit aber hier nicht auf. denn: wenn wir jemanden sehen und erkennen, dass er einem geschlecht angehörig zu sein scheint, dass er klein, groß, alt, jung etc. ist, dann verbinden wir diese erkenntnisse mit zuschreibungen. bei geschlecht ist das sehr klar, aber es gilt auch für vieles anderes: heute sind muskulös-schlanke körper attraktiv. ihren trägern wird disziplin, aktivität, sportlichkeit, attraktivität und eine gute selbstsorge unterstellt. und entsprechend wird denen, die nicht diesem bild entsprechen, das gegenteil zugeschrieben. das heißt: im schlimmsten fall “wissen” wir schon sehr viel über einen anderen menschen, obwohl wir noch kein wort mit ihm gesprochen haben. und genauso wie disziplin im medium körper aufscheint, so sind es angeblich auch zusammenhänge wie sexuelle orientierung, begehren und so fort.

paradox daran ist, dass wir dadurch alle aufgerufen sind, an unserem körper zu arbeiten. ihn zu formen, ihm die richtigen umfänge, ausmaße und so weiter zu verschaffen. gleichzeitig muss diese arbeit aber unsichtbar sein, niemand soll sehen, welche mühe wir aufbringen, um unseren körper zu optimieren. denn auch natürlichkeit ist ein sehr wichtiger punkt. allerdings bedeutet sie in diesem zusammenhang eben nicht, dem körper seinen raum und lauf zu lassen sondern: ihm dem angeblichen ideal des natürlichen körpers immer näher zu bringen. so sind in gestutzten schamhaaren wenig spuren von natürlichkeit zu entdecken, aber genau das wird als eine der vielen ausformungen von “natürlich” verkauft. es ist nahezu überflüssig zu erwähnen, dass auch diese aktivitäten alle eine geschichte haben, sich verändert haben. in zeiten wirtschaftlicher not waren dicke körper viel attraktiver als dünne. heute ist es umgekehrt der muskulös-sehnige körper ist ausdruck von verzicht und harter arbeit an sich selbst (deren bedeutung zu verfolgen sicherlich ein weiterer spannender aspekt wäre.).

problematisch erscheint mir an dieser stelle, dass sich diese anforderungen und prozesse zu einer art fetisch verwandeln. damit meine ich, dass attraktivität zunehmend nur noch über körperliche attribute ausgehandelt wird. oder anders: es erscheint mir so, als ob viele menschen sich nur einen bestimmten, genormten körper vorstellen können, um sexuelle lust an und mit ihm zu entwickeln. damit wäre eine grobe definition eines fetisches gegeben: dass nämlich sexuelle lust und befriedigung nur durch bestimmte artefakte, also kulturell bedeutsame dinge, möglich wird. und das verändert den blick. nicht zwingenderweise den von allen, aber doch von vielen.

vor einiger zeit war ich zusammen mit einem bekannten im sportstudio. also da, wo man alles dafür tut, um besser auszusehen etc. besagter bekannter ist körperlich nahezu ideal. sichtbar quasi kein körperfett, ansehnliche muskeln. an den richtigen stellen richtig rasiert. und so fort. er selber findet, dass er dringend unglaublich viel tun müsse, um endlich richtig gut auszusehen. und dass er im notfall dafür auch operationen machen lassen würde. und dabei sprechen wir von eingriffen, die optischer natur wären. mir war auch lange nicht klar, dass dieser bekannte natürlich mit diesem blick durch die welt geht und andere menschen einordnet. bis zu dem moment wo er mir sagte, dass ich schon ganz okay aussehen würde, aber der bereich meines bauches benötige ganz dringend viel harter arbeit. neben der zunächst einsetzenden erschütterung über diese ansage habe ich ein immer größer werdendes unbehagen gespürt. denn: mir ist klar geworden, dass er einen blick auf die menschen hat, den ich vielen leuten inzwischen zuschreibe (auch wenn ich es gern anders hätte), nämlich dass nur eine ganz bestimmte optik überhaupt die eintrittskarte für den marktplatz der sexuellen, romantischen und erotischen begegnungen ist.

ich will nicht sagen, dass mein bauch und ich gute freunde sind. ich finde, er könnte manchmal ein bisschen zurückhaltender sein. aber letztlich werde ich ihn dauerhaft nicht ändern können. aber ich merke, dass ich gern meinen blick ändern möchte. und den vieler anderer leute auch. denn in und hinter einem körper sind ganz andere qualitäten zu finden, die einen menschen viel wichtiger machen können, als es aktuell sichtbare bauchmuskeln können. das problem scheint zu sein: die muskeln kann man sehen. für den menschen müsste man sich einlassen. reden. sich kennenlernen….

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wenn ich kurzfilme schaue, die sich um schwule drehen oder blogs, in denen es zum beispiel um paare geht, dann merke ich, das eine unglaubliche frustration in mir groß wird. es gibt nahezu keine abbildungen, die menschen zeigen, die nicht in den mainstream eines angeblichen schönheitsideals passen. schlank, schlank-muskulös, muskulös. keine falten, keine röllchen am bauch, die haare getrimmt. und so weiter.

mein kopf weiß, dass bilder kunstprodukte sind und die meisten leute ohne retouche, makeup und andere hilfsmittel in keiner weise so aussehen, wie sie mir präsentiert werden. emotional kommt aber eine andere aussage an: nur, wenn du so aussiehst, hast du überhaupt eine chance auf partnerschaft, glück, zweisamkeit und sex. an tagen wie heute, wo ich mit mir selber nicht ganz im reinen bin, kann ich mich davon nicht mehr abstrahieren. ich merke, wie mich das entmutigt. wie wenig ich dem entgegensetzen kann.

natürlich gäbe es optionen. ein bekannter sagt: du musst anders trainieren, dann hast du ruckzuck einen flachen bauch, dann wird das. und auch, wenn das zunächst wahnsinnig attraktiv klingt – nur ein bisschen training, dann ist alles gut – frage ich mich, ob das wirklich der weg ist. ich muss also etwas leisten, etwas an mir verändern, nur damit ich als liebens- und begehrenswerter mensch wahrgenommen werde? ich sehe ein, dass das im kontext von arbeit so ist – da bekomme ich geld dafür, dass ich eine bestimmte leistung erbringe. aber im kontext von zwischenmenschlichkeit will ich das nicht. was wäre denn, wenn mir bestimmte sportarten gar keinen spaß machen? oder ich irgendwann nicht mehr dazu in der lage bin, das zu tun, was meinen bauch flach macht? ist es dann gleich wieder vorbei mit dem begehrt werden?

eine andere option ist sowas wie “du musst einfach deinen körper akzeptieren, wie er ist. dich annehmen. dich lieben. dann können das auch andere”. auch das klingt wunderbar. ich akzeptiere mich, erkenne mich an, habe mich lieb. leider weiß ich aber nicht. wie das gehen soll, wenn die aussagen, die von anderen an mich herangetragen werden, das gegenteil behaupten. ich kann mich natürlich total sexy finden. wenn ich aber der einzige bin, der das tut, habe ich davon, bei lichte betrachtet, nicht viel. bzw. könnte davon ausgehen, dass meine wahrnehmung der welt vielleicht eine korrektur benötigt.

ich weiß nicht, ob es für dieses problem überhaupt eine lösung geben kann. ich merke nur, dass mich diese zusammenhänge schmerzen.

was einsamkeit, pornos und kapitalismus zusammenhält

auch wenn lange zeit davon ausgegangen wurde, dass die klassische hausfrauenehe optimal mit dem kapitalistischen wirtschafts- und denksystem korrespondiert (stichwort wäre die auslagerung der herstellung neuer arbeitskraft in die familie und damit entlastung des systems von ausgaben), stellt sich mir zunehmend die frage, ob nicht auch die existenz einzelner, nichtgebundener menschen einen konstitutiven beitrag zur erhaltung des systems leisten.

die heutige arbeitswelt ist charakterisiert durch die notwendigkeit extremer flexibilität. gerade bezogen auf personal, also menschliche arbeitskraft, bedeutet das, dass menschen möglichst schnell einsetzbar, möglichst schnell kündbar sind und möglichst überall arbeiten. die idee, dass es menschen ohne arbeit zuzumuten ist, von garmisch nach flensburg umzuziehen, ist mehr als nur ein historischer treppenwitz. es ist letztlich die idee der umsiedelung von menschengruppen, ausgeführt mit anderen mitteln und begründungen. das, was früher als normalbiografie gehandelt wurde – beispielsweise ein lebenslanger arbeitsplatz in einem unternehmen – ist längst erodiert, längst ein phantasma geworden. selbst handwerk hat heute keinen goldenen boden mehr. die einzige ressource, wie einigermaßen sicherheit bietet, ist – neben den richtigen zertifikaten und dem richtigen alter – eben flexibilität. das bedeutet: optimal wäre es, wenn ein arbeitnehmer bereit ist, überall zu arbeiten.

das hat nun vor allem für das soziale leben konsequenzen: denn freundeskreise und partnerschaften kann man nicht so schnell von kiel nach rosenheim mitnehmen wie ein bett und eine kommode. kinder sind in solchen zusammenhängen noch komplizierter (man denke an das föderale schulsystem). oder anders: kinder kann man nicht einfach in den möbelwagen packen. und menschen an sich auch nicht.

das beudetet auch: je weniger sozial gebunden eine person an einem ort ist, desto flexibler ist sie. wen an einem ort wenig hält, weil er wenig soziale bindungen dort hat, der zieht leichter dahin, wo die arbeit ist. denkt man das zusammen mit der zunehmenden befristung von arbeitsplätzen, die so etwas wie familienplanung, wohneigentum etc. zu schwer zu schulternden risiken gerinnen lassen, dann scheint es so, als ob ein singlemensch eigentlich besser in die postfordistische arbeitswelt passt (und sicherlich wäre es auch interessant, die zunehmende vermischung von privater und beruflicher sphäre dahingehend zu bedenken – aber das ist vielleicht ein anderes thema).

akzeptiert man diese überlegung, dann bekommen zwei phänomene, die ich für bemerkenswert halte, eine möglicherweise neue lesart: sowohl die datingindustrie als auch pronografie sind in sich bereits warenförmig strukturierte phänomene, die nach marktlogiken funktionieren. und zwar nicht nur in dem sinne, dass es einen markt für beide gibt sondern auch bereits in sich.

die meisten datingportale haben eine marktlogischen ansatz: es geht darum, passende angebote und nachfragen zu vermitteln. anbieter und nachfrager fallen partiell zusammen oder anders: jeder, der auf einem datingportal anbietet, ist üblicherweise auch nachfrager. um die intransparenz dieser situation, die der einfachen tatsache geschuldet ist, dass niemand so viele leute auf einmal kennenlernen kann, wie man sie auf den datingseiten zur verfügung gestellt bekommt, dreht sich das angebot des datingseitenbetreibers: er verspricht, vermittels bestimmter techniken, passungsfähige interessenten in kontakt zu bringen. ob das nun mit einfachen suchmaschinen, höherer mathematik oder psychologischen tests stattfindet, ist letztlich geschmackssache. das versprechen ist einfach: die datingseite sucht für mich passende gegenstücke. sie erhellt sozusagen das dunkel, in dem alle beteiligten herumspazieren und hilft mir zu erkennen, wer besonders gut zu mir passen könnte. damit nimmt sie die funktion eines maklers an. dieser kennt den markt besser als die daran beteiligten und fungiert als stellvertreter für deren handlungen. während es allerdings bei den meisten maklergeschäften auf den abschluss ankommt, ist das bei datingseiten anders: klappt es nicht, dann liegt es nicht am makler sondern an den personen. es handelt sich also um ein versprechen, das niemand einlösen muss, weil hier die irrationalität menschlich-sozialen handelns als grund für misserfolge zentralisiert wird (was bei einer versicherung eben nicht so ist). wichtig erscheint mir aber vor allem das versprechen: auch für dich gibt es jemanden. und weil du ein so entgrenztes, flexibles, zeitlich eingebundenes individuum bist, suchen wir für dich das passende aus.

dieses versprechen entlastet das flexible indiviuum ungemein. wenn es schon nicht konstante soziale beziehungen aufbauen kann, weil es eben immer etwas atemlos auf dem sprung an den nächsten ort ist, dann kann es sich zumindest der illusion virtuell vermittelter sozialkontakte bzw. partnerschaftsangebote hingeben. vielleicht auch eine art von blumen auf ketten.

pornografie ist ebenfalls warenförmig organisiert. sieht man von den amateurfilmen ab, die meistens eher eine art sexuellen fetisch darstellen, ist die herstellung von pornografie ein knallhartes geschäft. die beteiligten akteure sind bezahlte schauspieler, die im wahrsten sinne des wortes ihre haut zu markte tragen. der konsum von pornografie hat viele facetten und konsequenzen, mir geht es jetzt um einen aspekt: die existenz von pornos ist nicht neu – pornografische literatur, bilder und später filme sind keine erfindung des 21. jahrhunderts. sicherlich ist der zugang zu pornos heute einfacher und es ist auch anzunehmen, dass die quantität einfach zunimmt.

was nun pornografie mit einsamkeit zu tun hat, dürfte naheliegen. für viele menschen sind sie eine hilfe, um sich sexuelle befriedigung zu verschaffen. das kann auch bei menschen in beziehungen wichtig sein, es ist aber davon auszugehen, dass gerade alleinlebende menschen mehr, sagen wir, bedarf an dieser form der entlastung haben. und genauso wie ein fastfoodmenü keine vollwertige ernährung ist, ist pornografie und masturbation keine vollwertige sexualität. ich würde eher sagen: selbstbefriedigung ist etwas anderes als sex mit anderen menschen. nicht schlechter oder besser – eben anders. und sie kann bestimmte aspekte von sexualität nicht abdecken.

führe ich diese beiden ideen zusammen, dann könnte sich folgendes ergeben: die anforderung an das individuum ist zunehmen, so flexibel wie möglich zu sein. entsprechend sind soziale bindungen eher hinderlich, was auch ein grund für die steigende zahl von singleexistenzen sein dürfte. gleichzeitig muss aber das bedürfnis nach partnerschaft, das die meisten menschen haben, befriedigt werden. weil wirkliche partnerschaften aber die flexibilität einschränken, verhalfen datingseiten und pornografische angebote zu der illusion des “es könnte passieren”. wie also der esel der rübe, die ihm vor die nase gehalten wird, hinterherläuft, sie aber nie erreicht, so laufen viele von uns dem wunsch nach einer erfüllten partnerschaft und sexualität hinterher. dieses phantasma des möglichen erreichens wird genährt durch eben angebote, die vorgeben, uns mit dem zu versorgen, was wir uns wünschen. und solange wir uns das wünschen, es aber nicht erreichen, sind wir vor allem eins: wunderbar flexibel und einsatzbereit.

 

be my valentine

seit tagen werde ich mit emails zugeschüttet, die mir mitteilen, dass bald valentinstag ist. also jener tag, an dem sich paarmenschen gegenseitig mitteilen, dass sie sich wahnsinnig mögen. in hetero-beziehungen ist das stereotyp so, dass der herr der dame in irgendeiner weise die ehre erweist. aber es gibt auch andersstrukturierte ideen (eine besonders finstere darunter ist diese hier)
was mich immer wieder ein bisschen stutzig macht, ist die idee, dass es für alle paare den gleichen anlass braucht. ich verstehe, wenn man in einer beziehung bestimmte momente entwickelt hat, die man gemeinsam in irgendeiner weise würdigen möchte. jahrestage oder was auch immer. ist zwar nicht so meine preislage, aber zumindest nachvollziehbar.

natürlich steht der valentinstag auch in der kritik, dazu ist vermutlich schon viel formuliert worden, darum geht es mir auch selber im moment nicht. mein fokus ist ein anderer: ich finde, dass dieser tag optimal zeigt, wie soziale routinen (also strukturen) einfluss auf das individuelle (er)leben nehmen können. davon ausgehend, dass der valentinstag ein tag ist, der in besonderer weise die existenz von paaren adressiert, wird er zu einem symbol. oder anders gesagt: an diesem tag geht es um paare. partnerschaft und alle dazugehörigen emotionsbereiche: romantik, liebe, treue, monogamie, zueinander passen, zueinander gehören und so weiter. dass diese gefühle in ihrer aktuellen form keine conditio humana sondern schlichte soziale erfindungen sind, ist nicht neu und auch schnell nachvollziehbar. das bedeutet aber nicht, dass sie für uns nicht real sind, nicht errlebbar oder fühlbar wären. ihre exstenz, ihre thematisierung beeinflusst unser eigenes denken und handeln fundamental. oder anders: auch wenn die idee der romantischen liebe nicht zwingend älter als 300 jahre ist, ist sie in unserer sozialen welt ein dominantes und vermutlich von den meisten menschen als “wahr” empfundenes gefühl.

zumindest ist es für mich so. ich erlebe den mangel, dieses gefühl mit einem menschen zu teilen und auszuleben, zur zeit extrem deutlich und als sehr schmerzhaft. (und damit wird vielleicht auch das missverständnis deutlich, das oft in zusammenhang mit der sozialen konstruiertheit von zusammenhängen einhergeht: etwas ist real, weil es resultat einer konstruktionsleistung ist. und diese realität ist schwer zu verändern.) mit jeder mail, in der mir vorgeschlagen wird, was ich meinem liebsten am valentinstag gutes tun könnte, merke ich (und zwar immer wieder aufs neue), dass ich leider keinen liebsten habe. und auch für niemand ein liebster bin. und dabei ist es kein zufall, dass es einen ähnlich gearteten tag nicht für beste freund_innen oder singles oder so gibt. (das ist ja genau teil der konstruktion).

und so werde ich auf der einen seite permanent als person angesprochen, die eine beziehung zu haben scheint – das vermittelt einmal mehr das schon oft als quälend erlebte gefühl der nicht-normalität des alleinlebens. auf der anderen seite habe ich auch keine möglichkeit, aus der nummer zu entfliehen. ich kann natürlich sagen, dass mir das alles total egal ist, das ist es aber leider nicht. und ich kann wissen, dass das alles diskurse sind, die sozial erfunden wurden. aber auch das tröstet mich nicht. und sagt mir nicht, dass ich wichtig bin oder wertvoll oder was auch immer. im gegenteil: tage wie der valentinstag haben an leute wie mich eine ansage: du bist leider raus, du bist kein paarmensch. natürlich ist die existenz von singles konstitutiv für das funktionieren des paar-diskurses. jeder diskurs braucht einen bereich, von dem er sich absetzen kann. singles sind der schatten der paare, die, die im dunkeln stehen. die das paarsein zum erstrebenswerteren modell machen. zur guten form des seins. und das funktioniert – das kann ich an mir selber spüren. und ich kann es an der masse von angeboten sehen, die das netz für singles bereithält. dating, erotik, ratgeber – alles da. was nur sehr wenige zu sehen scheinen: wenn diese angebote helfen würden, dann bräuchte man sie irgendwann nicht mehr…

wochenende

wochenende ist für mich eine besonders unerfreuliche zeit der woche. natürlich, das gute ist: keine termine, zeit für schöne sachen. ohne wecker schlafen und trödeln.

am wochenende ist es dran, dass man sich erholt. entspannt. die dinge tut, zu denen man unter der woche nicht so wirklich kommt. und so weiter. und das ist sicherlich auch genau richtig so.

seit ich alleine bin, haben wochenenden und freie tage aber auch eine dunkle seite bekommen. paare machen am wochenende in der regel paarsachen. das ist ja auch naheliegend. endlich zeit füreinander haben. etwas gemeinsam unternehmen können. und so fort. entsprechend ist es aber auch schwierig, am wochenende freundessachen mit freunden zu machen, weil die meisten freunde gleichzeitig auch teil eines paares sind und dann lieber paarsachen als freundessachen machen. ich verstehe das. wirklich.

jetzt gäbe es theoretisch zwei möglichkeiten. entweder ich mache was mit freunden, die gleichzeitig auch teil eines paares sind. das bedeutet in der regel: ich mache was mit einem paar, von dem ich mit dem einem teil befreundet bin. das ist, erfahrungsgemäß, sehr schwierig. als dritter mit zweien, die zusammengehören zu sein, bedeutet eigentlich doch, übrig zu sein. und das ist fast noch schlimmer, als allein zu sein. also unter freunden allein zu sein.

die andere möglichkeit wäre, dinge alleine zu tun. ideen habe ich viele: es gibt ausstellungen, die ich sehr gern sehen würde. kino, museum, theater, lesungen, konzerte. auch spaziergänge, ausflüge, sport. aber alleine sind diese sachen nicht sehr attraktiv. allein im kino zu sein und hinterher dem teddy zu erzählen, wie der film war, ist nicht attraktiv. und macht das alleinsein deutlich. denn am wochenende im kino sind viele paarmenschen. weil die ja am wochenende paarsachen machen. so wie auch eben in der straßenbahn. ich war nämlich beim sport. meistens gehe ich mit dem gefühl dahin, dass ich dann wenigstens unter menschen bin. dass ich vielleicht mit jemand ins gespräch komme. es kommt fast nie dazu. so habe ich dann zwar wenigstens sport gemacht. aber auch die erfahrung, dass es irgendwie nicht passiert.

wenn ich dann nach hause komme, sitzen sie alle wieder da. die kleinen monster. die sagen dann die dinge, die ich nicht denken will. aber die nie ihre wirkung verfehlen. die monster sind sich sicher: einer wie ich hat selber schuld, dass er allein ist. und es auch nicht verdient, zu zweit zu sein. wenn einer schon so schräg ist. und dann noch so aussieht. kein wunder.

manchmal schaffe ich es, die monster in den schrank zu sperren. oder aus dem fenster zu werfen. heute nicht.