siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: March, 2013

…doch du bist gar nicht da…

feiertage mit menschen zu verbringen, die freunde sind, ist schön. und das war es wirklich. also schön

umso härter traf mich dann der schnitt – abschied nehmen. wegfahren. viel zu lange unterwegs sein. viel zu lange allein sein. an mehreren bahnhöfen waren menschen, die auf andere menschen gewartet haben. mütter und väter. freundinnen und freunde. brüder und schwestern vielleicht. sicherlich auch einzelteile von paaren, die, im moment der wiedervereinigung so freudig und glücklich wirkten. es gab blumen. und an einem bahnhof sogar ein herz.

mein eigenes krampft sich in solchen momenten zusammen. wird klein und traurig. drückt sich in die letzte ecke. wenn ich es frage, warum es das tut, dann weiß ich vorher schon die antwort: ein herz, das zu lange alleine war, wird empfindlich. und gleichzeitig ein bisschen hart. ein bisschen schroff. und – man muss es sagen – auch ein bisschen beleidigt.

und dann saß ich da in diesem zug mit meinem herz, das sich so gern verstecken wollte, damit es diese gesunden, starken, gemeinsamen herzen nicht aushalten muss. und ich konnte es so gut verstehen, dieses kleine herz. das schon so viel mitgemacht hat. und letztlich vor allem funktionieren musste. das so selten liebe geschenkt bekommen hat. also die art von liebe, die man seinem eigenen herz eben nicht selber schenken kann. sondern die es nur von einem anderen herz bekommen kann.

das ist so ähnlich wie, dass man seine eigene hand nicht halten kann, damit es sich gut anfühlt. dafür braucht es eine hand von einem anderen menschen. der optimalerweise ein herz hat, das dem eigenen (also meinem) liebe schenken möchte.

und ja: ich würde dich auch vom bahnhof abholen. mit blumen. sogar rosen. wirklich

 

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das gute land

“da liegt das gute land, wie hinter fensterscheiben, ist zum greifen nah…” ist eine liedzeile eines alten stücks von zupfgeigenhansel. auch wenn der titel “heimatlied” für heutig politisch sozialisierte ohren mehr als problematisch klingt, handelt es sich bei diesem lied um eine utopische hoffnung. nämlich die, die eigene umgebung zu einem teil des eigenen lebens zu gestalten (die im lied verwendete aufforderung ist “wir besetzen es (= das land) instand”).

ich war nie ein großer anhänger linker utopien. und glaube eher an diagnosen, die uns zeitigen, dass wir, um es mit zygmunt bauman zu formulieren, spieler, flaneure und touristen sind. diese flaneure gestalten auch nicht mehr sondern konsumieren und konstruieren durch diesen konsum eben auch ihre existenz. vielleicht ist aber auch genau das das gefühl, dass die liedermacher vom zupfgeigenhansel auf den weg gebracht hat, zu überlegen, wo sie hingehören wollen und wie das zu bewerkstelligen sei.

interessant ist das für mich auch auf einer persönlichen ebene. mein erleben ist zur zeit, dass ich auf einer imaginären schwelle stehe. viele der dunklen gefühle, der fast schon zerstörerischen gedanken der letzten wochen haben sich in einem neuen empfinden aufgehoben, nachdem sie es quasi heraufbeschworen hatten. sicherlich nicht zwingend. wenn ich zurückschaue, dann hätte das ganze manöver auch scheitern und schief gehen können. oder anders: auch wenn ich grenzerfahrungen durchaus kenne, war das die bisher riskanteste. und bewussteste.

jetzt bin ich ein bisschen benommen und stehe da vor dem, was ich auf einmal wieder sehen kann. was sich sozusagen aus dem dunkel des scheinbar guten und angeblich hellen befreit hat und wahrhaftiger hell scheint. es ist ein bisschen wie bei krabat und der alten mühle am koselbruch, die, das ist bekannt, einem etwas mysteriösen und eher der dunklen seite zuzuordnenden meister als ausbildungsveranstaltung für neue zauberer dient. die, das soll nicht unerwähnt bleiben, allerdings nie aus dem gesellenstatus herauskommen. diese mühle steht bisweilen still und dieses stillstehen wird vom protagonisten der geschichte jedes mal als quälend, bedrückend empfunden – und entsprechend dann auch der moment, in dem die mühle wieder anläuft, als befreiend, symbolisiert dieser moment einen wieder-anfang. nicht unbedingt einen neu-anfang, der alles verändert, aber eine bewegung, eine dynamik, die an routinen, an gewohntes anknüpft aber doch neu ist.

das ist mein gefühl. viel steht zur zeit in frage, viel zur disposition. nicht alles und sicherlich wird aus meinem leben auch keine “und dann wurde alles von einem tag auf den anderen total anders”-geschichte. zumindest habe ich keine vollkommene verwandlung geplant und sehe auch wenig reiz darin. was ich aber sehe, ist, dass ich noch ein bisschen zögernd bin, mir nicht sicher bin, ob ich das glauben kann. also dass es mir gut geht. dass ich manchmal sogar ein bisschen glücklich bin. dass es, und so wirkt es, viel zu entdecken und zu gestalten gibt. auch wenn ich oft gar nicht weiß, wie ich das tun könnte.

will sagen: da liegt ein gutes land. das sehe und, viel wichtiger, fühle ich. jetzt scheint es mir wichtig, dieses land (wieder) kennenzulernen. schritte zu gehen. vielleicht auch nicht wieder allein, das wäre natürlich das schönste.

als ich heute nacht wach lag

als ich heute nacht wach lag, habe ich mir überlegt, wie es wäre, wenn wir uns gefunden hätten. bestimmt wäre es ganz zufällig passiert. ich kann nicht mal genau sagen, wo wir uns das erste mal gesehen haben. aber wir haben es. natürlich. und dann haben wir angefangen, uns kennenzulernen. einfach so. ohne große erwartungen oder ziele. und irgendwann haben wir gemerkt, dass wir mehr sind als nur zwei leute, die sich eben gut kennen und leiden mögen. eigentlich hat das gar nicht lang gedauert. ich glaube, wir waren beide ein bisschen überrascht.

wir haben angefangen, uns aufeinander zu freuen. und auch wenn das furchtbar kitschig ist: es war schon ein bisschen so, wie sich das der fuchs vom kleinen prinzen gewünscht hat. wir haben vertrauen zueinander gefasst. und das war auch nicht schwer.

und jetzt freuen wir uns immer mehr und öfter aufeinander. in deinen augen sehe ich ein kleines lächeln, wenn wir uns nach einem langen tag in der welt begegnen. wie die welt für einen moment in den hintergrund tritt. und uns nichts anhaben kann. wir uns beide das sind, was wir vom anderen brauchen. wir uns immer wieder neu und immer wieder vertraut sind. und merken, dass es in den armen des anderen einfach sicher ist. sicherer als überall anders.

ich kann nicht aufhören, mich genau danach zu sehnen. mir genau das zu wünschen. es ist eine absurde situation: ich kenne das problem und ich weiß eine lösung. aber ich kann sie nicht herstellen. nicht machen. ich bin dem ausgeliefert. und kann beobachten, wie es immer mehr weh tut. körperlich wird. und mich nur selber  neben mich setzen und mir sagen, dass es gut werden muss. dabei bin ich mir inzwischen leider gar nicht mehr sicher, ob das nicht nur einfach nur hilfloses trostgestammel bleibt.

as long…

..as i have you.

so könnte man es auf den punkt bringen. so lange ich, das ist die übersetzung für mein leben, mit dir zusammen durchs leben gehen kann, ist es vielleicht nicht besser, aber zumindest besser zu ertragen.

schade, dass es dich nicht gibt.

immer noch dienstag

offensichtlich endet der tag ungefähr so, wie er begonnen hat. die frage, ob sich das alleinsein jemals zu einer zweisamkeit wandeln wird, ist bohrender geworden, ich dafür hoffnungsloser. und ich kann niemanden dafür verantwortlich machen. nicht mal irgendwie beschuldigen. wahrscheinlich ist es wirklich so: wäre ich dünner, sportlicher und vielleicht ein bisschen jünger, konformer, würde gern auf partys gehen und so weiter, dann wäre das alles nicht so schwierig.

ich habe noch nie wirklich daran gedacht, aspekte von mir selber aufzugeben, in der hoffnung, dass sich endlich so etwas wie eine beziehung ergeben könnte. heute zum ersten mal ernsthaft. ich weiß, dass ich das eigentlich nicht kann und nicht will. und gleichzeitig wirkt es verlockend. 10kg weniger, den bauch weg. modern und hip statt schwarz und blau gekleidet. trendy. und dann natürlich wieder der gedanke: selber schuld. du könntest, wenn du wolltest. aber klar, mit deinem aussehen, mit deiner einstellung, mit deinen problemen – locker musst du sein, entspannter.

und ich weiß auch, wenn sich nicht bald irgendwas ändert – dann ist meine energie wirklich am ende.

und dann kommen sie wieder, alle diese fragen. warum bin ich als guter freund immer gern genommen, als partner nie? warum der ewige zweite? oder das klassische fünfte rad am genauso klassischen wagen? warum immer der “große bruder”? warum der, für den man eigentlich vor allem dann zeit hat, wenn man selber was zu klären hat? oder was wissen will? warum vermisst mich eigentlich nie irgendjemand? wenigstens ein bisschen? oder begehrt mich?

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ein ganz normaler dienstag

in meiner frühen jugend war ein lied populär, aus dem mir eine textzeile immer und immer wieder durch den kopf geht in den letzten tagen: “jeder beteuert mir, dass auch ich wertvoll wär, doch wo wird denn sowas mal konkret und erfahrbar?”. heute ist genau so ein tag. mein existenzgefühl oszilliert irgendwo zwischen “unsichtbar” und “abgelehnt”. das gefühl der einsamkeit nimmt immer mehr zu. lacht mich aus. sagt mir unaufhörlich “du wunderst dich, dass du allein bist? schau dich an. so einen klotz wie dich will keiner, und wenn, dann aus mitleid. aber um deinetwillen? so niedrige erwartungen kann keiner haben”.

ich will das nicht hören, es nicht glauben, aber natürlich nistet es sich in mir ein. vielleicht ist ja was dran? vielleicht ist es doch wahr? irgendwoher muss es ja kommen, irgendwie muss es ja geschehen sein, dass es seit jahren keinen anderen mann gibt, der sich ernsthaft zumindest für mich interessieren würde. klar, ich bin nicht perfekt und man sieht mir an, dass ich schon eine weile lebe.

was wird denn sein, wenn ich für immer allein bleiben muss? manche sagen: leb einfach. mach dein ding. dann wird das schon. und wenn nicht, dann hast du wenigstens gelebt. wenn es so einfach wäre. ich würde das gern. aber ich kann den mangel nicht wegdiskutieren. das wäre so, als ob man sich einreden müsste, keinen hunger mehr zu haben. nie wieder.

eigentlich würde ich mich gern in eine ecke setzen und weinen. aber die erfahrung sagt, dass alleine weinen und nicht getröstet werden die dinge meistens noch schlimmer macht.