siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: April, 2013

who wants to live forever?

nein, ewig sicher nicht. aber vielleicht schon noch eine weile.

trotzdem bekommt diese vorstellung gelegentlich etwas absurdes. gestern, in einem relativ belanglosen gespräch über gott und/oder die welt, sagte ein guter bekannter mir, dass er sich vorstellen kann, dass es in meinem alter schwer bis nahezu unmöglich sein dürfte, nochmal einen partner zu finden. und auch wenn mir klar ist, dass er damit eher was über sich als über mich ausgesagt hat – gesessen hat es trotzdem.

ich habe viel darüber nachgedacht. also klar ist: meine halbwertszeit in der schwulen welt habe ich eindeutig überschritten. das passiert allerspätestens mit anfang 30. einige schaffen es noch ein paar jahre länger, meistens gepaart mit exzessiver sportlicher betätigung oder dem glück, aus sich heraus eine physische präsenz zu haben, die jugendlich wirkt. das dürfte im übrigen für frauen in der heterowelt nicht komplett anders sein, für heterosexuelle männer zumindest zunehmend gültigkeit bekommen. dennoch scheint es mir so, als ob die schwule welt in ihrer nahezu schon reflexhaften ablehnung jeglicher form des alterns hier besondere maßstäbe besitzt. liest man beispielsweise in einem gayromeo-profil eines 22-jährigen, dass sich bitte “keine opis und dicken” melden sollen, bezieht sich diese aussage meist nicht auf herren jenseits der 50 sondern eher solche, die über 28 jahre alt sind und/oder deren bundweite bei klassischen jeans 32 überschreitet. (empirische nicht bealstbares beispiel, erhoben in einer kurzumfrage in besagtem portal, durchschnittswerte).

alles in allem kann ich damit inzwischen recht gut leben. die geforderten figürlichen werte hatte ich sowieso nie und das mit dem alter fand ich für mich selten problematisch. spannend ist für mich eher der befund, dass es offensichtlich wesentlich zu sein scheint, sich von einer bestimmten gruppe (eben den “relevant älteren”) absetzen zu müssen. das mag einem zunächst wie eine stereotype spinnerei vorkommen, in wahrheit aber scheint mir ein ganz anderer zusammenhang denkbar zu sein. Denn natürlich, das lässt sich zumindest denken, erleben viele junge schwule, dass sie von (wesentlich) älteren begehrt werden. auch das ist zunächst kein besonders innovativer befund – es gibt auch viele beispiele heterosexueller verbindungen, die mit einem großen altersunterschied klarkommen. dieses begehrtwerden von einer wesentlich älteren person scheint aber – und das ist ein punkt meines gedankens – nicht etwa so etwas wie narzistische freude auszulösen sondern ruft offenbar eine so große angst vor dem älteren anderen auf, dass diese nicht situativ bearbeitet werden kann sondern möglichst schon im vorfeld vermieden werden soll. der ältere andere symbolisiert bei kommunikationen zwischen schwulen (so meine vermutung) ein abbild dessen, was man selber einmal sein wird. also älter. und das, da die geschlechtliche differenz fehlt, viel direkter und ungeschützter als in heterosexuellen kommunikationen, in dem sich immer zwei basal verschiedene – nämlich geschlechtlich andere – auseinandersetzen.

und damit, so könnte man diesen gedanken weiterentwickeln, entsteht eine für homosexuelle begegnungen spezifisch andere form der notwendigkeit von abgrenzung. es ist zwischen zwei männern (oder frauen) viel schwieriger, sich als eigenes, das eigen bleibt, zu begreifen und zu interpretieren, weil der andere in einem wesentlich höheren ausmaß so ist, wie man selber, als wenn er ein anderes geschlecht hätte. zudem könnte das auch bedeuten, dass die vorstellung des idealen partners viel mehr mit den eigenen vorstellungen des idealen ichs oder selbst zu tun hat, als das bei einem partner anderen geschlechts der fall ist.

aber zurück zum anfang. trotz aller erklärungen hat mich die aussage des guten bekannten getroffen. und ich glaube, das hat sie, weil sie enorm viel mit meinen eigenen ängsten zu tun hat – die nämlich genau dieses szenario immer wieder aktualisieren: dass ich einfach nicht mehr im spiel bin. nicht interessant. nicht so, dass es irgendjemanden reizen würde, mich kennenzulernen. und das wiederum kann ich nur sehr schlecht aushalten. gerade am wochenende, wenn alle mit ihren partnern und partnerinnen zusammen sind. aber auch generell. lange hatte ich die geheime idee, dass es nach so langer zeit ja irgendwie endlich mal passieren müsste. wie mir scheint, ist das aber nicht der fall.

und diese angst – mit der kann ich nicht gut umgehen. weil es mir so vorkommt, als wäre sie ein unheilvolles versprechen, das jeden tag wahrer wird

eigentlich

… könnte es so einfach sein. wir begegnen uns. lernen uns kennen, verlieben uns. irgendwo. orte gibt es genug.

aber es scheint eben nicht so einfach zu sein, zumindest nicht für mich. um mich herum finden sich gerade wieder paare zusammen. zusätzlich zu denen, die es schon gibt. die meisten haben sich zufällig irgendwo kennengelernt. real oder virtuell. aber es hat geklappt.

ich frage mich heute, und dabei merke ich, wie schmerzhaft diese frage wird, warum mich keiner kennenlernt. oder ich keinen. und es fühlt sich so an, als ob mir langsam wieder einmal die puste ausgeht. die luft wegbleibt. alles leichte, das mit so viel hoffnung verbunden war, schwer geworden ist.

das schlimmste ist: niemand kann daran schuld sein. also muss es an mir liegen. und das kann ich noch schlechter aushalten. eigentlich gar nicht

du hättest…

… besser nicht wiedergekommen sollen.

immerhin haben wir eine lange zeit zeit miteinander verbracht. damals. erstsemester waren wir, als wir uns kennenlernten. du warst gut in buchführung und mathe. ich in mikroökonomie.

wir waren immer freunde. nahe freunde. neue umgebung. schwule subkultur. coming out. jugendgruppe. der erste csd. pinke partys und sonstige regenbogenveranstaltungen. wir haben das neue genossen, in uns aufgesogen, uns gegenseitig darin gehalten. damit kein strudel uns mitnehmen könnte.

es wäre wirklich besser gewesen, du wärest nicht wiedergekommen.

wir hatten gemeinsame freunde. haben gemeinsam gelacht und einmal auch geweint. waren auf reisen. haben uns mit uns, anderen und anderem befasst.

natürlich wusstest du, dass ich in dich verliebt war. das vielleicht erste mal in meinem leben so richtig. mit allem. dem wunsch nach sex und nach nähe. dem wunsch nach gemeinsamkeit, sicherheit. ich hätte viel für dich gegeben. ich habe viel für dich gegeben. auch, als du mit dem unmöglichsten kerl sex hattest. den du mit mir hättest haben sollen. und danach, als das dann mehrere beziehungen in unruhe versetzt hat. du wusstest, dass ich da sein würde. immer.

besser, du wärest nicht wiedergekommen

heute denke ich, dass ich wie ein kleiner hund hinter dir hergerannt bin. immer auf der suche nach ein bisschen zuwendung. einem zeichen. etwas, das meine hoffnung erfüllt. selbst dann, als wir in irgendeiner der vielen nächten, in denen wir spazieren waren, begeisterst erzählt hast, dass du verliebt wärst. jung war er, dünn und unglaublich cool. nicht wie ich. nicht irgendwie gleichzeitig schrill und verläßlich. konstant und da. sondern ein unerreichbarer sollte es sein.

du hättest besser nicht wiederkommen sollen

irgendwann bist du weggezogen. erst in eine andere stadt. dann in ein anderes land. hast dich verliebt. bist verpartnert. sagst auf einmal “mein mann und ich”. ich habe nichts mehr von dir gehört. und in mir blieb trauer, sehnsucht und verlangen

und stehst mir nach so vielen jahren auf einmal gegenüber. zufällig. natürlich freuen wir uns. irgendwie. sind befangen. tauschen telefonnummern. und reden, was man in drei minuten so reden kann.

stunden später kommt die wut. die wut über drei jahre traurigkeit. abgewiesen werden. hingehalten werden. die wut über die scham, die ich fühle, weil ich mich so klein gemacht habe. dachte, dass du irgendwann schon merken würdest, dass ich der richtige sein muss. auch wenn ich nicht jung, dünn und cool bin. vermutlich hast du es genau gewusst. und es genauso nicht wissen wollen wie ich.

ehrlich: ich weiß nicht, ob ich dich noch einmal wiedersehen will. es wäre wirklich besser, wenn du nicht wiedergekommen wärst