siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: May, 2013

und nun?

manchmal habe ich den eindruck, in meinem leben geht etwas schief. also so grundlegend. sicher, ich bin einigermaßen erfolgreich in meinem beruf, habe freunde, darunter sogar welche, mit denen ich sehr intensive und tragfähige freundschaften pflege. ich bin auch bruder, onkel, sohn, kollege, bekannter und so fort. will sagen: es gibt viel gutes in meinem leben. aber ich bin offensichtlich für niemanden begehrenswert. oder gar lieben-s-wert. richtig wichtig. zentral. oder wie auch immer man das nennen will.

natürlich ist das blöd, das öffentlich zu sagen. in einen, der sich das wünscht, verliebt sich keiner. den findet auch keiner spannend. diese erfahrung mache ich immer wieder. die dominante strategie wäre also, dass ich mich so unnahbar und abweisend wie möglich verhalte. keine bedürfnisse haben. so tun, als ob alles gut wäre. und ganz ehrlich: ich habe das so unglaublich satt.

denn: ich will begehren und begehrt werden. ich will jemanden lieben und geliebt werden. ich will endlich auch mal dieses glück spüren, wie es ist, wenn es einen menschen gibt, der sich auf mich einlässt. und der zulässt, dass ich mich auf ihn einlasse. der in der lage und willens ist, gemeinsamkeit herzustellen. gemeinsame erlebnisse zu haben. etwas zu schaffen, in dem wir beide zuhause sind.

natürlich: auch selbstmitleidig sollte man nicht sein. und natürlich lebe ich in meinem leben die meiste zeit gut. klar. aber trotzdem fehlt da sehr viel. und immer wieder quälen sich die fragen in meine gedanken – die fragen danach, was wohl an mir ist, dass es nicht möglich ist, dass sich jemand für mich interessiert. welcher makel an mir wohl haftet, der aus mir eine unberührbare person macht. und ich habe immer weniger möglichkeiten, diesen fragen zu entkommen. oder anders: mir gehen die strategien aus.

und nun?

überrasch mich

ich finde onlinedating schwierig. nach einer längeren pause von den beiden großen blauen seiten habe ich in den letzten wochen wieder den versuch unternommen, mich virtuell mit menschen bekannt zu machen. und stelle fest: es gelingt mir nicht.

vielleicht bin ich ein relikt aus einer zeit, in der zum kennenlernen mehr gehört als ein bild (oder auch mehrere) und ein mehr oder weniger bemüht origineller text. oder die absage an letzteren mit der dutzendformel “was soll ich hier schreiben, das liest doch eh keiner”. natürlich ist mir klar, dass ein “profil” wenig über menschen aussagt. oder anders: dass sich natürlich hinter den “profilen” menschen verbergen. problematischerweise gelingt es mir selten, zu diesen menschen vorzudringen.

die klassischen problem sind ja bekannt: leute, die mit eigenwilligen aufnahmen diverser ausscheidungsorgane nach freunden suchen (vielleicht eine art kunst, die ich nicht verstehe?), solche, die mit vollkommen aussagefreien profilen dringend angeschrieben werden wollen usf.

mir fällt chatten generell nicht sehr leicht. ich kann das gelgentlich mit leuten, die ich kenne und da klappt es dann auch. aber mit einer person, die mir bis dato unbekannt ist, scheine ich keine gesprächsgrundlage aufbauen zu können. es scheint, als ob es einen virtuellen smalltalk-code gibt, den ich nicht zu verstehen in der lage bin. umso erstaunter bin ich dann, wenn leute mir erzählen, dass sie ihre langjährigen partner virtuell kennengelernt haben. natürlich freue ich mich und natürlich bin ich auch neidisch. ich kriegs in der regel nicht mal hin, ein date zu vereinbaren.

die alternative wären räume, in denen sich schwule männer einfach so treffen. diese räume sind aber leider extrem selten geworden. vielleicht weil es anstrengender ist, sich den traummann nicht vom sofa aus bestellen zu können. oder vielleicht, weil es da um echte menschen geht. die ihr profil erst im verlauf des kennenlernens entwickeln.

einer ist keiner und zwei sind ein paar

natürlich eine nahezu fatalistische überschrift. einer ist keiner, zwei sind ein paar. ursprünglich geht es dabei um glaubwürdigkeit. wenn zwei das gleiche bezeugen (können), dann ist die wahrscheinlichkeit, dass es wahr ist. höher als bei einem zeugen.

aber natürlich ist die aussage auch noch eine andere. menschen sind auf gegenüber angewiesen. reale gegenüber. nahezu abgegriffen sind aussagen wie “der mensch am du zum ich” – doch schaut man genauer hin, steckt darin ein tiefes bedürfnis. spannend ist, dass die aussage nicht zu einem “wir” führt und beide beteiligten – ich und du – in einer sehr speziellen weise als einzelwesen fasst, die aneinander wachsen oder sich zumindest in ihrem wachstum bedingen. also im besten sinne eine konstitutive beziehung eingehen.

diese idee, dass menschen keine einzelwesen sondern irgendwie gemeinschaftswesen sind, ist ja nun nicht gerade neu.  und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, stellt sich mir immer und immer wieder die frage, warum es für so viele schwierig ist, zu einem andern menschen eine beziehung aufzubauen. sich einzulassen.

natürlich finde ich auch nicht jede person gleich sannend, nicht jeden menschen gleich interessant, inspirierend, aufregend und anziehend. und eigentlich wünsch ich mir nur eins: einen, der mich spannend findet und den ich spannend findet. einen, der mich inspiriert und den ich inspiriere. einen, der mich so braucht wie ich ihn und mit den diese lebensreise ein bisschen schöner, ein bisschen leichter werden kann.