siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: June, 2013

ne me quitte pas

ein klassiker. gesungen von jaques brel, später dann auch von nina simone und klaus hoffmann. ne me quitte pas. verlass mich nicht. oder auch: geh nicht fort von mir.

ich frage mich, welche geschichte sich hinter diesem wunsch verbirgt. genauer: welches meine geschichte wäre. ich merke in der letzten zeit immer mehr (und eigentlich ist es so offensichtlich), wie gern ich eine romantische geschichte erzählen würde. also die romantische geschichte von mir und meinem prinzen. vermutlich bin ich an dieser stelle hoffnungslos. hoffnungslos, weil ich dich gern einfach kennenlernen würde. nicht über ein blaues fenster, in dem steht, wie du sexuell drauf bist und wie schwer und groß und was auch immer. auch nicht über eine agentur, die mit ausgefuxten parametern berechnet, warum du so genau zu mir passen würdest (also 91% übereinstimmung. unglaublich). sondern im leben. genau da, wo ich gerade stehe. oder sitze. oder du. keine ahnung. vielleicht lächeln wir uns an. oder schauen scheu aneinander vorbei. weil wir gar nicht gemeint sein können. und dann bemerken wir es. wir bemerken, dass wir beide prinzen sind. und einsame herzen haben.

meiner erfahrung nach werden einsame herzen irgendwann schwer. natürlich, wir richten uns ein in diesem leben mit single-wohnungen, single-portionen und single-blues. nichts ist frustrierender, als abends allein zu hause zu sein und alleine schlechte fernsehserien zu schauen. also gehen wir zu veranstaltungen immer mit der impertinent vorhandenen frage, ob es da vielleicht jemanden geben könnte, der… also nur vielleicht. und natürlich ist es jedes mal schön. aber da war keiner da.

natürlich macht es uns nichts aus. man kann prima allein leben. ja niemand merken lassen, dass man einsam ist. oh gott. dann wird es nie was. stark und unabhängig. schlimm genug, dass es schon so lange geht. schlimm genug, dass ich es nicht geschafft habe. nahezu peinlich. wahrscheinlich stimmt eben doch was nicht mit mir. zu hohe ansprüche. zur falschen zeit am falschen ort. zu schrullig inzwischen. zu was auch immer. aber ja nichts zeigen. ich bin groß und stark und total unabhängig. ich brauche niemanden.

und wie mich das ankotzt. diese ganze showroom-nummer. natürlich brauche ich jemanden. natürlich tut es unglaublich weh. gerade am wochenende, wenn alle ihre prinzen und prinzessinen besuchen. oder von ihnen besucht werden. und natürlich hätte ich auch gern jemand, der sich ein bisschen für mein leben interessiert. und so weiter

und darum hoffe ich weiterhin, dass du mal sitzen wirst und mich anlächelst. und wir schauen uns in die augen und wissen, dass da ein anfang ist. und wir nehmen ihn und uns an die hand….

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eigentlich könnte es ganz einfach sein

es könnte ganz einfach sein. wir lernen uns kennen. finden uns spannend. aufregend. so mit kribbeln und es-fast-nicht-aushalten können. vielleicht küssen wir uns total kitschig auf einer brücke im regen zum ersten mal. halten im kino heimlich händchen. vielleicht auch nicht heimlich. wer weiß das schon

und wir stellen fest, dass wir die gleichen bücher mögen. oder die gleiche musik. oder auch nicht. auf jeden fall werden wir uns nicht langweilig. im gegenteil. jeder moment ergibt neues, das zu entdecken so spannend ist, dass alle zeit zu wenig ist. und gleichzeitig stehen bleibt, wenn wir sie gemeinsam verbringen.

vielleicht sehen wir zusammen das meer. und verlieren uns nicht dabei. sondern entdecken, dass wir zueinander und füreinander sind. dass wir zwei und eins zugleich sind, ohne dabei etwas zu verlieren.

oder um es mit malediva zu sagen: “und insgesamt sind alle viel zu oft allein”

ihre einsätze bitte

immer, wenn ich längere zeit datingportale nutze, überkommt mich irgendwann traurigkeit. ich habe in den letzten tagen viel darüber nachgedacht, warum das so ist und welche gründe das haben könnte. und ich denke inzwischen, dass es mehrere aspekte sind.

zum einen, und darüber habe ich schon öfter geschrieben, bin ich irgendwann einfach genervt. rudimentäre kommunikationsregeln scheinen ebenso wenig zu gelten wie ein respektvoller umgang miteinander. sicher, es ist vielleicht auch schwierig, einem blauen fenster und einem bild mit einem mehr schlecht als recht verhüllten genital vor gelsenkirchener barock gegenüber empathie zu entwickeln. aber es gibt ja durchaus durchdachte, interessante profile. da haben sich leute wirklich einen kopf gemacht, sich etwas überlegt. zumindest scheint es so zu sein. erstaunlicherweise gibt es immer wieder eklatante unterschiede zwischen der qualität des profils und den dann ausgetauschten nachrichten. seis drum. vielleicht ist da mein anspruch auch zu hoch. was nicht aussagt, dass ich da kompromisse machen kann oder will. aber eben schon, dass ich mir dessen zumindest bewusst bin.

was mich aber wirklich in einer sehr tiefen weise berührt, ist, wie viel bedürftigkeit auf diesen seiten zum ausdruck kommt. (und natürlich ist das sicherlich auch meine eigene bedürftigkeit, die ich da spüre). diese bedürftigkeiten sind sehr unterschiedlich von ihrem inhalt – ob es sich um den wunsch nach sex handelt, dem nach einem partner oder vielleicht auch dem, endlich mal in der privilegierten position sein zu können, andere abzuweisen. und trotzdem sind sie da. bereits der immer wieder formulierte anspruch, dass man bitte angeschrieben werden möchte, sich aber eine antwort (!) vorbehält, symbolisiert eine haltung gegenüber anderen menschen, die nicht von gleichwertigkeit ausgeht. ob die aus unsicherheit, arroganz oder schlicht mangelnden umgangsformen gespeist wird, ist zweitrangig. das phänomen als solches erscheint mir problematisch.

wenn ich genauer darüber nachdenke, dann frage ich mich wirklich, warum es so schwer möglich zu sein scheint, im echten leben menschen, die auch schwul sind, kennenzulernen. ich meine, ich erlebe das selber ja auch. also dass ich den eindruck habe, dass es ungemein kompliziert ist. es gibt jenseits der partys für die jungen herren und denen für bären wenig möglichkeiten, so etwas wie schwule kultur oder events zu besuchen. und die anzahl der kneipen und cafés ist hier mehr als übersichtlich. und natürlich hat das auch was mit den netzsachen zu tun. realität ist schwieriger, man muss hingehen und dann sind da auch nicht 500 leute gleichzeitig, die man sofort nach schwanzlänge, position und rasiert/nicht-rasiert ordnen und (aus)sortieren kann.

gleichzeitig glaube ich, dass die virtuelle welt rigidere formen des ausschlusses zur folge hat. damit meine ich zum einen die idee, dass man unproblematisiert in ein profil schreiben kann, dass man “bitte keine asiaten” treffen will. damit meine ich aber auch, dass es zunehmend die idee gibt, dass nur menschen, die “heterolike” sind und “straightacting” performen. und ab hier wird die sache politisch. ich glaube, dass homosexualität in einer bestimmten form sehr politisch ist und auch bleiben sollte. dass homophobie ein problem ist, kann man im moment besonders gut in frankreich, aber auch in russland beobachten. und diese phänomene sollten nicht den blick davon lenken, dass es auch in deutschland immer noch viel ablehnung von homosexuell lebenden menschen gibt. und daran werden auch urteile irgendwelcher gerichte nur wenig ändern. diese werden für mehr rechtliche sicherheit sorgen. und sicherlich auch in gewisser weise positive diskurse befördern. dass es aber für viele jugendliche heute immer noch eine bedrohung ist, zu sich zu stehen, zeigt, dass nicht nur die ebene von staat und gesetz gefordert ist. eine interpretation der forderung nach “straight acting” könnte sein, dass es sich dabei um internalisierte homophobie handelt – also die vorwegnahme der vorstellung einer generalisierten ablehnung in dem moment, in dem man als homosexuell erkennbar wird. sicherlich hat dieses phänomen auch mit einer sehr bestimmten vorstellung von männlichkeit zu tun, deren scheinbare infragestellung durch das eigene homosexuelle begehren als potentieller privilegienverlust erlebt werden könnte.

zuletzt glaube ich aber vor allem – und das ist der vielleicht persönlichste grund für diese traurigkeit – dass ich an dem virtuellen system scheitere. ich kann zwar formulieren, was ich problematisch finde und mir überlegen, was ich tun müsste, um dort erfolgreicher zu sein. aber ich kann es emotional nicht. das große versprechen der portale, dass töpfe und deckel zueinander finden, macht in mir jedes mal wieder eine große hoffnung, die sich bisher kaum erfüllt hat. für mich ist das ein erleben von scheitern. einem scheitern daran, dass es mir weder real noch virtuell gelingt, einen menschen zu finden, dessen herz ich höher schlagen lasse und andersherum. und so folgt auf die gemachten einsätze, die immer neu gemachten einsätze, regelmäßig das gefühl: nichts geht mehr

 

 

du wirst kleiner, wenn du weinst

manchmal ist es so eine liedzeile, die es auf den punkt bringt. das ist zwar nahezu nicht mitteilbar, weil text und musik bekanntlich in jedem menschen unterschiedliche dinge hervorrufen und mit unterschiedlichen dingen verbunden sind. also auch so emotional. aber darum geht es ja auch nicht.

oben zitierter stück lied ist in meinem leben schon sehr lange mit mir unterwegs. unterwegs ist damit die erinnerung an die zweite große liebe (oder auch die erste, je nach dem, wie man das sieht). damals. irgendwo in der ardèche. unglücklich. christophe war hetero. oder wollte es sein. auch das weiß keiner so genau. aber ein guter. wir haben zusammen dieses lied gehört und es hat uns verbunden, wenngleich auch aus unterschiedlichen gründen.

weinen ist so eine sache. ich bin so groß geworden, dass das ein absolutes nogo ist. weinen geht nicht. vor allem nicht, wenn andere es mitkriegen. weil es schwäche bedeutet und schwäche ist schwierig. eigentlich nicht akzeptabel. nur im allergrößten notfall und dann bitte unsichtbar. wir sind doch jemand. lass dich nicht unterkriegen. nie aufgeben. immer den kopf hoch. beenden, was man angefangen hat. brust raus, bauch rein, weitermachen. niemand muss wissen, wie es dir geht. lächle. mach dich ja nicht abhängig. trost muss man von anderen bekommen. disziplin kann man selber haben. ich habe das lange praktiziert. und vielleicht hat es mich tatsächlich an der einen oder anderen stelle gerettet. aber es hat mich auch hart gemacht. hart gegenüber mir selber. und langsam lerne ich, dass hart sein auch bedeuten kann, brüchig zu werden.

immer stark zu sein (oder zu wirken) hat bei mir bedeutet, dass ich auch für andere stark war. das konnte ich immer gut. ich war für viele da. der gute freund, der große bruder. der, den man fragen kann, der zuhört, der einen rat weiß. der mit anpackt. der sich ins zeug legt. eine lösung gibt es immer irgendwie. ich wusste sie oder habe sie gefunden. ich war wenigstens ein bisschen wichtig. und musste mich gleichzeitig nicht so sehr um mich kümmern.

nun würde man trivialesoterisch schnell auf die idee kommen, dass ich mein eigenes leben leben muss, meine bedürfnisse erkennen und umsetzen muss und so weiter. erkennbar kann man nur sein, wenn man konturen hat. ecken und kanten. und so weiter. in bester küchentischpsychologischer manier fallen an dieser stelle normalerweise die sätze von der selbstverwirklichung und davon, dass nur man selber seine realität gestaltet. und so weiter. vielleicht stimmt das sogar. aber es wirkt schnell genauso wie die guten alten durchhalteparolen. nur eben nicht mehr “halte durch!” sondern “gestalte!”, “mach was draus!” oder gar “lebe!”.

verkannt wird dabei schnell, dass leben nicht nur aus einzelmenschen besteht. und zumindest ich merke, dass ich auf andere angewiesen bin. ich kann nicht allein aus mir herstellen, dass ich liebenswert, begehrenswert oder was auch immer bin. und da beißt sich die katze in den schwanz. oder wohin auch immer.

und da sitze ich nun. draußen scheint die sonne. ich würde gern weinen. am liebsten in die schulter eines menschen, der mir nah ist und dem ich nah bin. ob es so einen menschen jemals wieder geben wird, bezweifel ich zunehmend.

es stimmt

wenn alle bei sich sind, ist außer mir keiner hier. also bei mir.