siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: October, 2013

ich hab für die einsamkeit…

… stundenlang zeit

einen sitz weiter hatte der typ gesessen. blond, groß, schön. das eine bein über das andere geschlagen, zwischen hosenende und sockenanfang ein stückchen bein. blonde haare waren zu sehen, ein kleines stück wade. darauf gelegt eine der beiden hände. große hände, fast grob. bestimmt waren sie stark. auch auf ihnen härchen. er stellte sich vor, wie diese hände sich anfühlen würden, berührte sie in seinem kopf. einen kleinen moment erlaubt er sich die vorstellung, wie es wäre, in den armen von dem typen zu liegen. wie es wäre, sich darin zuhause zu fühlen, aufgehoben. wenigstens für einen moment.

er schafft es nicht, kontakt herzustellen. der versuch, ein gespräch anzufangen, scheitert an kopfhörern und telefonaktivitäten auf dem sitz nebenan. nicht, dass es sonst anders wäre.

und er merkt, wie sich in seine sehnsucht neid schleicht. ein klirrender neid, gemischt mit wut. neid und wut auf leute, die jemanden hatten. jemanden, der sie liebt. bei dem sie zuhause sein konnten. natürlich, dass das auch schwierig sein kann, das weiß er. er war nicht immer allein. es ist lange her. so lange, dass er sich kaum noch erinnern kann, wie es sich anfühlt. danach insgesamt drei ernstere verliebtheiten. dreimal endeten sie in der “guter freund”-nummer. das ging immer. er weiß um das, was andere leute an ihm spannend finden. klug ist und schlagfertig, schnell mit dem wort und nicht zurückhaltend. manchmal hat er den eindruck, wie ein gefälliger schmuck für andere leute zu sein. aber eben nicht mehr. nicht der typ, auf den man sich wirklich einlässt. was ja auch kein wunder ist. viele jahre allein. nicht mehr der jüngste. kein traumbody. einsamkeit macht einsam. im vielfachen wortsinn. irgendwann sieht man es den menschen an, dass sie einsam sind. und natürlich will keiner einen, der einsam ist. sondern einen, der besonders ist, der eigentlich keinen anderen braucht.

und er wird neidisch, weil er viele kennt, die wenigstens jemanden haben, mit dem sie ab und an und auch öfter ins bett gehen. nicht unbedingt beziehungspartner. aber zumindest sexuelle beziehungen. die nicht darauf angewiesen sind, in irgendwelchen chatrooms stundenlang zu chatten, um sich dann vielleicht zu verabreden und dann auch nur vielleicht eventuell sex zu haben. vorher bitte ein bild, ganzkörper nackt. und ich schick dir mal einen link zu einem porno, das würde ich gern machen… an dem punkt hört es meistens auf. nicht dazugerechnet die abgesagten dates, die, bei denen der andere einfach nicht auftauchte. und die, bei denen nach dem ersten prüfenden blick der satz “sorry, zu fett” gefallen war. auch das ist alles schon lange her. nicht, dass er keine bedürfnisse hat. aber die zurückweisungen zu ertragen – irgendwann war ihm dafür die kraft ausgegangen. irgendwann war es zu viel geworden.

natürlich, er arbeitet viel. das weiß er. und immer wieder hört er “wenn du weniger arbeiten würdest, dann würdest du bestimmt jemanden kennenlernen”. er hat es versucht. offline und online. real und virtuell. war auf parties mit schlechter musik, in gruppen und bei treffen, auf veranstaltungen. er hat erfreuliche menschen kennengelernt. aber freund, partner, mann an der seite – das ist nicht passiert. irgendwann hat es ihn nicht mehr gewundert. es hat nur noch weh getan.

und so wird er auch heute abend in einer leeren wohnung ankommen. keiner wird da sein. keiner, der sich freut. keiner, der fragt, wie es war. wie es ihm geht. keiner, der auf ihn gewartet hat. keiner zum umarmen.

jeder topf…

…findet seinen deckel. so sagt man wohl. so oder ähnlich. oder auch “du wirst den richtigen noch finden”. oder: “dein mann wartet schon irgendwo auf dich”. usf. das sind sätze, die ich oft gehört habe. und ich kann verstehen, dass menschen sie sagen. sie sollen mut machen. hoffnung geben. und manchmal tun sie das auch. aber eben nur manchmal. an anderen tagen frage ich mich, wie das gehen soll. wie ich jemanden finden soll. einen deckel. oder einen topf. oder was auch immer.

ich glaube natürlich, dass die idee des “paares” eine kulturell sehr stark wirkende konstruktion ist. dazu gibt es interessante auseinandersetzungen, gerade jetzt wieder von leuten, die sich mit alternativen lebensmodellen befassen, wie beispielsweise polyamourie. aber das ist vielleicht gar nicht so wichtig. wichtig ist, dass ich, nach den vielen jahren ohne einen partner, einen sehr starken wunsch danach habe, einen menschen kennenzulernen, mit dem ich teile von meinem und teile von seinem leben teilen kann. natürlich geht es dabei auch um körperlichkeit, aber genauso um verbundenheit. um nähe. um vertrautheit

an wochenenden, wenn ich unterwegs bin, sehe ich viele paare. paare, die zusammen dinge unternehmen. und ich bin da schnell sehr ambivalent. auf der einen seite freue ich mich, auf der anderen seite bin ich neidisch. auch wenn ich natürlich weiß, dass nicht jedes paar ein glückliches paar ist, frage ich mich, warum so viele menschen irgendwie zueinander gefunden haben. zueinander passen. und ich offensichtlich nicht passe. zu niemanden finde. oder von niemandem gefunden werde.

ich sehe durchaus spannende männer. und erlebe sie auch. manchmal lerne ich sie sogar kennen. viele, habe ich den eindruck, sehen mich nicht. oder sehen mich nicht als attraktuv/gut/spannend/usf. genug, um mich kennenzulernen. mir ist schon klar, dass ich nicht der absolute hingucker bin. ich habe nicht die klassische durchtrainiert-dünne männerfigur, die viele offensichtlich erotisch finden. ich bin nicht mehr 25. der lack ist an der einen oder anderen stelle nicht mehr neu und natürlich habe ich eigenheiten und spuren vom leben. wie sollte das auch anders sein. und ich weiß, dass andere leute in meinem alter auch neue partnerschaften eingegangen sind.

und dann kommt natürlich schnell die frage, was an mir so ist, dass es nicht klappt. mich keiner als spannendes gegenüber sieht. als jemand, der es wert ist, ihn kennenzulernen. dass sich offensichtlich keiner in mich verliebt. und wenn ich dann in irgendwelchen reportagen zahlen höre, dass ein singledasein von mehr als zwei jahren schon wirklich “sehr lang” Ist, dann frage ich mich, was die inzwischen fast kompletten acht jahre bei mir sind. “ewig”? gefühlt ja. und ich habe es satt. so satt – so ein deckel ohne topf zu sein. oder was auch immer

die gute sache

als ich mein coming-out hatte, da war es noch nicht so wirklich denkbar, dass es einmal so etwas wie die eingetragene lebenspartnerschaft geben könnte. von gleichstellung oder öffnung der ehe oder adoption ganz zu schweigen. ein outing in der schule war für mich undenkbar – im wohlverstandenen sinne des wortes: es war kein ergebnis eines abwägungsprozesses, ich dachte keine sekunde darüber nach. es wäre, da bin ich mir heute sehr sicher, desaströs gewesen. internet gab es bei uns zuhause nicht und das war in meiner jugend auch nicht der normalfall, dass es internet gegeben hätte. wir hatten drei fernsehprogramme und das erste mal, dass ich schwule bewusst in einer nicht diskrimierenden weise im fernsehen sah, war bei einer ausgabe eines jugendmagazins namens moskito, in der ein junges schwules paar aus – überraschung – berlin portraitiert wurde. berlin war weit weg, für mich damals, noch keine 17 jahre alt, gedanklich und real, unerreichbar. aber diese geschichte im fernsehen hat in mir etwas verankert: den wunsch, mich nie verstecken zu müssen. ich war mir sicher, dass das irgendwann gehen müsste: offen schwul leben.

das wiederum hat dazu geführt, dass ich mich immer wieder engagiert habe. nach dem auszug aus dem elterlichen haus begann ich, offen zu leben und mich in verschiedenen schwulenpolitischen vereinen zu engagieren. dabei ging es sowohl um gleichstellung als auch um sichtbarkeit. hiv war genauso thema wie homophobie und beratung für jugendliche. ich habe mich mit kirchenvertretern öffentlich gestritten, vielen menschen zugehört, in dem einen oder anderen politischen gremium als “betroffener” rede und antwort gestanden usw.

auch wenn ich heute nicht glaube, dass die “bewegung” damals gefestigter oder in sich stabiler war – das war sie nie, hat sie doch in einigen zeiten meines lebens eine zentrale rolle gespielt. nicht nur, weil wir gemeinsam ziele hatten, uns für etwas einsetzten und zusammen für eine “gute sache” gearbeitet haben. nein, auch der aspekt des zusammenseins, des streitens wie des feierns waren wichtige elemente.

heute gibt es momente, in denen ich mich frage, ob mir irgendwann auch etwas von dem erstrittenen zugute kommen wird. also klar, ich kann im internet prima seiten mit homo-paaren anschauen und mich freuen. ich kann offen diskutieren. ich habe sicherlich einen eher ungewöhnlichen freundeskreis. und auch wenn ich an sich gegen die vorstellung einer homosexuellen ehe bin, finde ich sie – rein aus gerechtigkeitsgründen – wichtig. vielleicht wäre es sinnvoll, generell über familienkonzepte zu streiten, aber das ist auch in zwei jahren noch drin

nur – und ich weiß, dass ich diese frage so gar nicht stellen sollte, weil sie natürlich meinen altruistischen lack ankratzt – nur, was habe ich von einer gleichstellung, wenn ich niemanden habe, der mich und den ich heiraten möchte? und es offensichtlich auch so ist, dass es diesen jemand nicht wirklich zu geben scheint? ich meine, eine beziehung, die man auf dauer stellen möchte, fällt bekanntlich nicht vom himmel. und genau das sind die momente, in denen ich finde, dass das alles ziemlich ungerecht ist. nicht, weil viele von den neuen privilegien profitieren. gar nicht.

aber ungerecht finde ich, dass ich ganz einfach wieder irgendwo in die dritte reihe gesteckt wurde und da offensichtlich auch nicht wegkomme. und nicht davon profitiere. sondern alleine sein – und wie es, je länger das dauert, umso deutlicher wird – und bleiben werde.

“na…

…wie war dein tag?”

für mich eine der fragen, die viel intimität und vertrauen, vertrautheit und sorge umeinander bedeutet, wenn sie ernst gestellt und nicht als floskel verwendet wird. für mich symbolisiert diese frage das bedürfnis, um den anderen zu wissen. mit ihm zu teilen, was ihn bewegt. und was mich bewegt. manchmal ist das vielleicht nicht viel. aber das gefühl, für den anderen wichtig zu sein und den anderen wichtig zu finden, das ist sicherlich eines der größten geschenke, die es gibt.

ich glaube, dass beziehungen (auch im weiteren sinne – nicht ausschließlich die, die als exklusiv bezeichnet werden) solche fragen brauchen. weil sie alltag brauchen. natürlich kann alltag mühsam sein. destruktiv. aber letztlich sind es gemeinsam geteilte erfahrungen, gemeinsam erlebtes, gemeinsames wissen, die eine beziehung zu einer geschichte machen, die menschen von- und übereinander erzählen und die, wenn sie von zwei menschen geteilt wird, zu ihrer geschichte wird. nicht umsonst sind jahrestage bestimmter ereignisse oft so zentral. sie stellen sozusagen historische markierungen in einer beziehung dar. wenngleich diese markierungen nicht unbedingt aus solchen jubiläen (die ja, das ist die andere seite, schnell zu einer form ohne inhalt erstarren können) bestehen müssen, glaube ich, dass sie wichtig sind. und dass sie viel mit der frage nach dem alltäglichen zu tun haben. gerade in engen beziehungen wird dieses geteilte wissen um den alltag des anderen durch gemeinsame erfahrungen, gemeinsam erlebtes, besser zu entschlüsseln. es gibt also im besten falle stabilität, etwas, das vertrautheit braucht.

gleichzeitig ist aber diese frage, wird sie von einem anderen gestellt, der mir sehr nahe ist, auch ein anerkennen von mir als person, von mir als wichtigem anderen, vielleicht sogar als wichtigstem anderen. das anerkennen des anderen in dieser form ist ein konstitutiver bestandteil menschlicher existenz. die unbedingte anerkennung durch einen anderen als wichtig, wertvoll, ist, wenn sie in einem wechselseitigen verhältnis steht, sich also nicht einseitig, ausschließlich konfliktär oder gar obsessiv gebärdet, gibt der eigenen existenz eine andere dimension des menschlichen. die suche nach dieser anerkennung im anderen, die im realen leben gleichzeitig viel banaler und viel voraussetzungsvoller ist, könnte ich als eine der zentralen triebfedern meiner emotionalität beschreiben.

und so ist diese emotionalität beides gleichzeitig: resignativ und fordernd.

und eigentlich würde ich dich jetzt einfach gern fragen, wie dein tag war.

 

passagen

ich bin ein passagier. einer, zwischen dem orte unterwegs sind. von hier nach vielleicht dort. in warmer sonne, bei kaltem wind. trockenen fußes und mit wasser zwischen allen kleidern. unterwegs. kein flaneur. kein tourist. ein passagier. einer, der eine schwelle überschreitet. eine wirklichkeit gegen eine andere tauscht. von einem punkt zum anderen zieht. und vielleicht zurück. bei passagen sind die endpunkte vielleicht nicht das wichtigste. sondern sie selber. die grenzen, die schwellen, die linien.

bei dir bin ich nie angekommen. egal, welche grenze ich überwunden, welche schwelle ich überschritten habe. egal, welche linien ich gekreuzt habe. du warst nie da, wo du sein solltest. oder zumindest hättest sein können. du hast mich nicht einfach in deine arme genommen. mir nicht gesagt, dass ich dein held bin. für den moment. und viellecht auch den nächsten. hinter keiner tür, auf keiner insel. ich finde, es wäre an der zeit, dass wir uns finden.