siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: November, 2013

vielleicht sollten wir einfach mehr vögeln

und ich meine das ernst und genau so, wie es da steht: vielleicht sollten wir einfach mehr vögeln. sex miteinander haben. den von der guten sorte. mit den/die  anderen heiß finden, aufeinander eingehen und all dem, was dabei wichtig ist.

ich gehöre sicherlich nicht zu denen, die alle theoretischen amalgame der studentenbewegung der 1960er und 1970er Jahre gut finden, ich bin auch kein hippie und kein nymphoman. aber ich bin mir sicher, dass nicht gelebte sexualität viel mit der sozialen kälte zu tun hat. und damit meine ich nicht, dass wir einfach nur mehr sex haben müssten. sondern: dass wir einen zugang zu sexualität finden, der die weniger in den würgegriff von macht und ausschluss bringt.

wenn ich so schaue, wie viele leute in den unterschiedlichen sozialen netzwerken (was an sich ein derart dämlicher begriff ist), direkt oder indirekt über sexualität sprechen, dann frage ich mich, warum so wenige scheinbar in der lage sind, sie zu leben. exemplarisch, weil am einfachsten zu verstehen, hier gayromeo: da ist es offenbar vor allem wichtig, zur sorte fitness-studio-body zu gehören. mehr muskeln und weniger fett gleich attraktivität, so scheint die formel zu lauten. aber eigentlich sagen diese vielen bilder und diese vielen profile, in denen leute bitte nicht von “unwürdigen” (also älteren, schwereren, dickeren, tuntigeren, was weiß ich noch alles, kurz: alles was man selber nicht sein will) belästigt werden wollen, doch eher aus: ich habe macht. oder genauer: ich hätte gerne macht. die macht, leute abzulehnen. ich habe in meinem weiteren bekanntenkreis mehrere leute kennengelernt, die genau darauf stehen: leute heiß machen und sie dann ablehnen. ein extrem seltsames spiel. und ein trauriges noch dazu. zum einen,weil es seltsame spiele sind, die da gespielt werden, zum anderen aber, weil dadurch begegnungen verhindert werden.

natürlich gehören macht und sex zusammen. und natürlich ist das spiel mit der ablehnung in bestimmten situationen auch erotisch. aber alles in allem glaube ich, dass es friedlichler wäre, wenn wir unsere kleinen und großen neurosen nicht über die herabwürdigung anderer ausleben müssten. sondern uns diesem anderen, der immer anders sein wird, als man selber ist, zuwenden könnten. freude daran, einen körper zu haben, entsteht unter anderem dadurch, dass man positive erlebnisse mit ihm hat. freude an anderen menschen entsteht dadurch, dass man positive erlebnisse mit ihnen hat. und ich glaube, das ist genau so einfach, wie es klingt. wenn ich den körper des/der anderen nur als negativspiegel für mich nutze, um den abzulehnen und mich besser zu fühlen (und nichts anderes bedeutet in meiner lesart diese ganze ausschließerei über köperliche eigenschaften der anderen), dann habe ich vermutlich selber ein ziemliches problem mit meiner eigenen physis. wenn ich aber aufhöre, andere als mangelhaft einzuordnen, weil sie nicht so sind, wie ich sie will, sondern sie als eigenständige wesen zu verstehen und zu begehren (ja, das kann man auch reflektieren) in der lage bin, dann glaube ich auch, dass andere körperliche und geistig-seelische begegnungen möglich werden, die gut tun.

sexualität ist eine starke kraft in uns, die schöpferisch und gut sein kann, wenn man sie zulässt. und ich glaube, das wünsche ich mir: mehr auch-körperliche begegnungen

so an sich…

… ist es einfach: ich möchte lieben und geliebt werden. einen menschen in meinem leben kennen, mit dem ich gemeinsam an diesem leben teilhabe. mit dem ich und der mit mir gegenwart und zukunft sieht. bei dem ich aufgehoben bin und er bei mir. wo es um etwas geht. etwas gemeinsam gestaltetes. gemeinsam erlebtes. gemeinsam erlebtes. also eigentlich ein ganz einfacher und banaler wunsch…

ein selbstversuch

ich habe es versucht. zehn tage lang. mehrere online-dating-seiten. anzeigen auf entsprechend ähnlich gelagerten seiten. ich habe leute angeschrieben, mich mit jedem, der einigermaßen zu passen schien (will sagen: nicht mehr als 15 jahre altersunterschied in beide richtungen, von den bildern her so, dass ich keine angst bekommen habe und im chat so, dass die unterhaltung nicht zu mühsam war). insgesamt habe ich vier treffen ausgemacht. was für die kurze zeit viel ist. ich war dabei nicht forciert, aber auf den punkt. will sagen: ich habe formuliert, dass ich ein treffen in der tendenz netter finde als chatten. zum kaffeetrinken wohlgemerkt. ergebnisoffen.

resultat: zwei kamen nicht, waren telefonisch nicht erreichbar und später haben sie mich im chat blockiert.

einer kam, schaute mich an, sagte “sorry, zu fett” und ging (kaffeetrinken. wohl gemerkt)

den letzten habe ich nicht erkannt, aber er mich. es stellte sich heraus, dass die bilder, die er mir geschickt hatte so wenig seine waren wie sein alter echt. er hatte sich um 12 jahre jünger gemacht. und er verstand meine irritation nicht. er würde sich eben jünger fühlen und das würden doch alle so machen. nun denn

ergebnis: unerfreulich. viel zeit investiert, viele nerven und am ende bin ich das, was ich vorher schon war: allein. und die illusion ärmer, dass es mir gelingen kann, im chat leute kennenzulernen. zumindest zur zeit

reden wir doch mal über sex

vor einigen tagen lief ich im fitnessstudio sozusagen laufband an laufband mit einem entfernten bekannten, der auch schwul ist. wir haben, so viel eben die lauferei das zuließ, kommuniziert. dabei thematisierte er scheinbar völlig beiläufig eine situation, die er just erlebt hatte und es wurde klar, dass er mir eigentlich gerade erzählte, dass er sex mit einem wesentlich jüngeren typen gehabt hat. ich fand das zunächst nicht weiter irritierend, habe aber später gemerkt, dass ich an der erzählung hängen geblieben bin. nicht, weil es um eine thematisierung einer sexuellen geschichte mit einem jüngeren ging (was man ja durchaus als versuch der inszenierung der eigenen attraktivität lesen könnte – schau her, so geil bin ich, dass mich sogar jüngere wollen) sondern ich habe mich gewundert, warum es überhaupt wichtig ist, sich als sexuell handelnden, oder deutlich: als einen, der sex hat(te), zu thematisieren.

dass sex allgegenwärtig und gleichzeitig hoch tabuisiert ist, dürfte als allgemeine tatsache gültig sein. das reden über die eigene sexualität, die von anderen oder auch im allgemeinen ist nicht selten und findet in unterschiedlichen kontexten – von medial bis privat – statt. das ist auch naheliegend, sexualität ist ein menschliches grundbedürfnis und dementsprechend präsent. meine vermutung ist dabei auch, dass die rede über gelebte sexualität größere ausmaße hat als die gelebte sexualität an sich und die rede über nicht gelebte sexualität kleinere ausmaße als die nicht gelebte sexualität an sich. will sagen: die anzahl der sexuellen akte, die exotik der praktiken und die häufigkeit dürfte eher gesprächsthema sein als deren nicht-vorhandensein und vermutlich dürften diese diskurse auch anfälliger für die vermischung mit wunschvorstellungen und phantasien sein.

auch, dass sexualität mit macht zu tun hat, ist wohl keine besonders neue erkenntnis. dabei kann es sich sowohl um macht zwischen den beteiligten personen handeln, aber auch um die macht, die verbote rund um den sex ausüben – hier kommen dann vor allem moralische bewertungen zum tragen, die bestimmte formen von sexualität als moralisch besser, andere als moralisch schlechter kennzeichnen.

was ich mich frage, ist vielleicht viel banaler: wenn es so ist, dass sexualität eine lebensäußerung ist, ein bedürfnis ist und wenn es weiter stimmt, dass sich das vor allem gut mit einem anderen oder mehreren anderen menschen tun lässt, warum ist es dann trotzdem so schwierig, sexuelle kontakte zu knüpfen? wenn ich mir beispielsweise eine seite wie gayromeo anschaue und abends, zur besten sendezeit , dahingehend betrachte, wie viele leute da ein sexdate suchen, dann frage ich mich schon, warum das scheinbar so selten realität wird (und das berichten leute durchweg – allen alters, mit allen möglichen vorlieben usf. – wenn man sie fragt). und selbst, wenn ich in rechnung stelle, dass nicht jeder zu jedem passt und nicht alle die gleichen vorstellungen haben, ist es trotzdem eigenartig, wie wenig tatsächliche dates da zustande kommen. natürlich ist mir klar, dass das an der struktur so einer seite liegen kann (und vielleicht auch dem wunsch vieler der profilinhaber, einfach nur begehrt zu werden, ihren marktwert zu checken oder oder oder).

oder anders: wenn man nicht gerade das glück hat in einer partnerschaft zu leben, die auch sexuell erfüllt ist (das eine muss ja nicht zwingend zu dem anderen dazukommen), wie kommt man dann zu sexuellen begegnungen? ich schließe natürlich bestimmte dinge aus – cruising, darkroom, pornokino oder sauna sind nicht meine nummer. die vorstellung, nach fünf stunden tanzen noch einen kerl aufzureißen, halte ich, vorsichtig gesagt, für unrealistisch (also für mich). und einen callboy zu mieten finde ich irgendwie auch schräg.

mich macht das immer ein bisschen ratlos und gelgentlich wahlweise traurig oder wütend.

und ich…

…. will romantik. so richtig und volle kanne. echt jetzt.

du musst dich selber lieben

immer wieder begegnet mir diese vorstellung, diese idee. die bezüge sind unterschiedlich. das osziliiert zwischen dem nächstenliebegebot aus dem neuen testament (dessen interpretation, dass es dabei zuerst um selbstliebe geht, dann um die liebe zu den anderen ich der sache nicht gerecht werdend finde) und irgendwelchen esoterischen selbsthilfeparolen, ob nun mit oder ohne bezug zum universum, der anderen welt oder trivialisierten vorstellungen von quantenphysik. heute sagte ein freund zu mir “wenn du dich selber nicht sexy findest, wie sollen es andere tun?”. mich beschäftigt das sehr, weil ich das konzept schwierig finde. für mich klingt das nach einer normativen aussagen – also: wenn ich mich nicht selber liebe, dann können es andere nicht. also muss ich “nur” den schritt gehen und mich selber lieben. sexy finden. annehmen. was auch immer. dieses konzept stößt mir auf. es macht mich unruhig und es irritiert mich.

mein bezugspunkt ist dabei meistens der körper. also meiner. wir beide haben kein besonders inniges verhältnis zueinander. gelgentlich ist es auch ein feindliches. seit ich denken kann, war dieser körper etwas, das negativ belegt wurde. ich konnte ihn nie so virtuos bewegen, wie viele meiner altersgenossen. ich war nicht in der lage, mit einem fußball artgerecht umzugehen, boden- und geräteturnen waren für mich mit die beschämendsten momente meiner frühen jungend. ich war im schulsport immer derjenige, den keiner in seiner mannschaft haben wollte (oder nur dann, wenn man noch zwei “gute” als ausgleich dazu bekommen konnte). ich kanns den leuten nicht mal verübeln: wenns um sportlichen wettkampf ging, war ich einfach ein totalausfall. außer schnell rennen war ich zu wenig in der lage, komplexe bewegungskombinationen überforderten mich. und tun es heute in der regel noch. oder etwas technischer ausgedrückt: koordination war nie meine stärke. also die mit dem körper. mit dem kopf war ich immer schnell und komplexität im denken war und ist mir eine große freude. aber das ist offenbar auf dem markt der (sexuellen und erotischen) möglichkeiten die falsche währung.

ich habe früh in meiner kindheit gelernt, dass ich aufpassen muss, “nicht aus der form zu geraten”. entsprechend wurde in einer vollkommen irrationalen form essen instrumentalisiert als etwas, das gleichzeitig “böse” war, weil es die “form” gefährdete und “gut”, weil es viel mit “sich etwas gönnen” zu tun hatte. mit zuwendung. dabei waren es selten ungetrübte, lustvolle situationen, wenn es ums essen ging. wichtig war, “maß zu halten” etc. die botschaft, die ich mir offenbar gemerkt habe ist: mein körper ist zum einen zu wenig von dem fähig, was angesagt ist (ich habe nie zu den coolen jungs gehört, nie) und zum anderen ist er problematisch, weil er als gradmesser der eigenen maßlosigkeit unbeirrbar auskunft über jeden bissen zu viel, jedes zuwenig an sport, disziplin und haltung gab. dass körperlichkeit auch lustgewinn, freude und etwas schönes sein kann, war mir lange sehr fremd. wichtig war nur, um vor dem imaginierten gerichtshof “der anderen” (und dem realen der eltern, klassenkameraden und sportlehrer) zu bestehen, die innere disziplin äußerlich sichtbar machen zu können. körperlichkeit war also, kurz gesagt, immer defizitär und immer mit leistungsvorstellungen verbunden.

bilder von körpern, die mir begegnen, zeigen (das dürfte vermutlich vielen leuten so gehen) körper, die mit meinem wenig gemeinsam haben. vollkommen idealisierte abbildungen von aber sie vermitteln mir auch immer ein gefühl von unruhe. diese bilder, diese bilder wirken auf mich wie eine vergleichsgröße, die in mir sofort das gefühl aufruft: “du hast nicht genug getan. das falsche gegessen, zu wenig sport, zu wenig disziplin, zu wenig an dir gearbeitet”. ich verbiete mir, menschen, denen ich mehr attraktivität, mehr schönheit zuschreibe, als ich selber zu haben scheine, zu begehren. ich verbiete mir den gedanken, weil es in mir eine stimme gibt, die ganz klar weiß “so einen wie dich will so einer wie der sowieso nicht. schau dich an, schau ihn an. siehst du den unterschied?” ich wäre diese gedanken gern los. weil ich sie anstrengend finde. und hinderlich, aber sie sind da. und sie sind sehr resistent. oder anders gesagt: sie kommen immer wieder. immer. mir ist klar, dass das instanzen in mir sind, die mich abwerten. und genau hier komme ich in schwierigkeiten mit der vorstellung, dass ich mich “einfach selber lieben”, mich “doch nur sexy finden” muss. (und ja, es geht um mehr als sex. aber um den geht es eben auch). wenn ich wüsste, wie das geht, ich würde es. wirklich. aber es ist mir ein vollkommenes rätsel.

und ich denke auch, dass es so einfach nicht ist. denn ob ich mich liebe oder schön finde, ist etwas, das eben nicht nur mit mir zu tun hat. sondern auch mit anderen. ich lebe ja nicht auf einer kleinen insel im nirgendwo sondern inmitten von vielen anderen menschen, die mir durch ihre reaktionen (oder auch nicht-reaktionen) auf mich etwas spiegeln. einen eindruck vermitteln. natürlich kann ich den nie komplett erfassen, weil ich die geschichte des anderen kaum kennen kann. zumindest nicht im regelfall. trotzdem hinterlassen diese reaktionen spuren. nicht immer große. manche verfliegen sofort. andere bleiben länger. vielleicht ist es die summe von erfahrungen und reaktionen, die das bild ausmachen. (und natürlich auch meine eigenen interpretationen – ja, ich hab meinen mead gelesen). trotzdem denke ich, dass die tatsache, ob ich mich selber als liebenswert erleben kann, mich selber lieben kann, eben geanau nicht etwas ist, das ich einfach aus mir selber herstellen kann. sondern das ganz klar andere braucht, die mir mit wohlwollen begegnen, die mich mögen und lieben und auch solche, die mich begehren, mich erotisch und anziehend finden. die vielen schwierigen erfahrungen kann ich nicht einfach wegdenken. sie brauchen, da bin ich mir sehr sicher, andere erfahrungen. solche, die es mir ermöglichen, mich anders zu sehen. anders zu verstehen. das eine hat also mit dem anderen und das andere mit dem einen zu tun. das eine ohne das andere geht nicht.

dadurch scheint es mir eine zumutung an den einzelnen zu sein, sich selber lieben zu sollen. wenn man bei solchen aufforderungen das drumherum, das soziale (sowohl im kleinen wie auch strukturell) einfach ausblendet, wird diese aufforderung zu einer unlösbaren aufgabe – vor allem, wenn sie verbunden wird mit einer finalisierung (also: du musst dich selber lieben, damit anderen dich dann auch lieben können), die auf genau diese vorher ausgeblendeten anderen abzielt. die gemeinte zumutung ist damit, alles aus sich heraus zu entwickeln, ja, entwickeln zu müssen. das wiederum ist natürlich eine dem dominanten neoliberalen selbstoptimierungsdiskurs in die hände spielende idee: anstelle einer vorstellung von aufeinander verwiesenen individuen tritt die idee des auf sich zurückgeworfenen subjekts, das für seine eigenen existenziellen bedürfnisse alleine zu sorgen hat. und damit kommt in die, auch für mich zunächst hoffnungsvolle, vorstellung des “sich selbst liebens” ein bitterer beigeschmack. ich glaube nicht, dass menschen ohne andere menschen gut leben können. und ich glaube auch nicht, dass menschen gut leben können, wenn sie wenig liebe oder anerkennung erfahren, wenn sie ihr begehren, ihre sexualität nicht in irgendeiner form leben können. ich glaube eher, dass das fehlen dieser dinge menschen verunsichern, physisch und psychisch belasten kann. und dass es in diesem moment wenig hilfreich ist, den rat zu erteilen, dass man sich eben einfach mehr lieben muss.

vielleicht, aber das ist nur kursorisch, hat das mit auch mit der normativen aufladung von sexualität und partnerschaft zu tun. die bilder, die wir täglich konsumieren können, vermitteln uns eine angebliche realität davon, wie gelungene sexualität (als ein beispiel) mit “attraktiven” körpern (als einem zweiten beispiel) aussieht. die masse dieser bilder vermittelt eine idee von normalität, die natürlich keine ist. im gegenteil. verkoppelt man das mit der vorstellung einer nie endende optimierung aller lebensbereiche und den angeblich unbegrenzten wahloptionen, kann man sicherlich noch weitere zusammenhänge ausbauen.

was – auch das soll gesagt sein – wenig daran ändert, dass ich einfach gern jemand zum liebhaben hätte