siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: December, 2013

manchmal…

…bin ich zu müde, um zu weinen.

die meiste zeit schaffe ich es gut, trost aus mir selber herzustellen. bei mir zu sein. zu erkennen, wer oder was mich gerade an grenzen bringt. wer oder was meine grenzen überschreitet. das passiert. in der regel ungewollt. im fall der fälle kann man darüber reden.

ich arbeite an mir. versuche, mich besser verstehen, zu realisieren, welche prozesse mit welchen erlebnissen zu tun haben. gelegentlich ist das hart. gelegentlich auch unerfreulich. aber es hilft mir.

und doch gibt es diese momente. in denen ich nicht mehr kann. mein ich nicht mehr mag. in denen ich merke, dass ich gern in den arm genommen werden will. verstanden werden will. als mensch angenommen werden will. von einem anderen mann geliebt werden will. dass das so selten passiert, erschöpft mich.

und ich?

heute habe ich gelesen, dass sich tom daley geoutet hat. das video dazu ist rührend, die bilder erwartbar schön. ich freue mich natürlich, sichtbarkeit ist wichtig. die kommentare an den verschiedenen stellen sind alle wahnsinnig positiv, wahnsinnig empathisch. und ich merke, dass sich in meine freude neid mischt. tom daley ist turmspringer und sieht natürlich sehr ansprechend aus. dünn, muskulös etc. ich weiß nicht mal, ob er einen freund hat, aber wenn nicht, dann wird er vermutlich schnell einen finden.

und dann denke ich so zurück an die letzten jahre. meine sexuelle betätigung ist übersichtlich. nicht, weil ich nicht wollte. aber es findet sich kaum jemand. weder im leben noch im netz. meine emotionale betätigung ist noch übersichtlicher. keiner scheint an einer ernsthaften auseinandersetzung interessiert. manchmal glaube ich, dass ich unsichtbar bin. wenn ich überlege, dass für viele sex einfach etwas ist, das zum alltag gehört, werde ich traurig. weil ich den eindruck habe, dass mir da etwas verwehrt bleibt. ich keinen zugang bekomme. und jeden tag, an dem das so ist, wird es unwahrscheinlicher, dass es einfach passiert.

und dann sagen wohlmeinende menschen: es ist die ausstrahlung. wenn du nichts positives ausstrahlst, dann kommt nichts gutes. aber herrgott, wie soll das denn gehen? wenn ich in knapp zehn jahren drei- oder viermal die erfahrung mache, dass mich jemand erotisch findet, wie soll ich denn dann positives in diese richtung ausstrahlen? das wäre schon eine enorme hybris. und ja, ich klinge selbstmitleidig. aber ich bin es nicht. ich bin einfach nur so unendlich allein und ratlos.

ich wünsche leuten wie tom daley und all den anderen, die festestellen, dass sie schwul sind, dass ihnen derlei erspart bleibt. und das meine ich ganz aufrichtig. es ist schon kompliziert genug, sich mit der tatsache, in einer gesellschaft nicht zu passen, auseinandersetzen zu müssen. dazu muss dann nicht auch noch ablehnung von anderen schwulen leuten und einsamkeit kommen. das braucht keiner. und hat keiner verdient.