von der aufforderung, an sich zu arbeiten.

neujahr ist der tag der guten vorsätze. viele, die ich in den letzten tagen gehört habe, handeln, grob gesagt, von der suche nach dem besseren leben. ob das nun ein neuer job ist, der gesucht wird, eine neue liebe oder mehr gesundheit – die hoffnung geht dahin, etwas zu verändern.

besonders häufig sind sicherlich vorsätze, die sich mit dem körper befassen. abnehmen, mehr sport machen, weniger rauchen oder trinken und so fort. das ist erstmal naheliegend, denn unser körper ist uns so nah, dass die fiktion einer vollständigen verfügbarkeit über ihn nahezu real erscheint. genährt von unermüdlich wiederholten botschaften entsteht eine strukturell simple aber offensichtlich wirkmächtige zwickmühle: der wunsch, anders auszusehen und angebotenen (natürlich immer ganz einfachen und trotzdem effizienten) techniken wie z.b. diäten und sportprogramme bedingen sich gegenseitig. sie sagen: wenn du es richtig machst (und richtig ist, was die verkünder und verkünderinnen gerade verkaufen), dann kannst und wirst du es schaffen. natürlich musst du hart an dir arbeiten, an dich glauben und natürlich wird es nicht leicht werden. aber du kannst. egal welche voraussetzungen du hast, wir haben das richtige programm. diese heilsversprechen funktionieren, weil sie zum einen eine möglichkeit aus dem (gefühlen) sozialen druck aufweisen. jeder kennt jemand, der oder die gerade viel abgenommen, muskeln aufgebaut oder sonstiges an sich positiv verändert hat. und der oder die dafür wahnsinnig viel positive rückmeldung bekommen hat. der oder die es geschafft hat. wenn der eine es kann und die andere es auch hingekriegt hat, dann liegt es vielleicht doch an meiner fehlenden willenskraft, meiner nicht stark genug ausgeprägten disziplin, dass ich es nicht schaffe.

neben dem generellen diskurs über schlankheit und gesundheit – den man vielleicht noch einigermaßen distanziert sehen kann – werden andere menschen unabsichtlich zu trägern dieser ideen. denn: wer es nicht schafft, der hat schlechtere karten. das kann man in den datingplattformen sehen, wo es bereits die möglichkeit gibt, menschen mit einem bestimmten BMI von vorneherei zu filtern. wo man lesen kann, dass “dicke und spinner” nicht erwünscht sind (und natürlich tunten. aber das ist ein anderes thema). wo aufmerksamkeit vor allem über – möglichst normgerechte – körperlichkeit hergestellt wird. die so transportierte aufforderung ist: arbeite an dir, dann bist du (zumindest hier) erfolgreicher. ob das nachher der realität entspricht, ist eine andere frage.

der zweite teil des heilsversprechens ist in der so genannten “magischen grenze” eingeschrieben. dahinter verbirgt sich die vorstellung, dass ab einem bestimmten punkt im leben alles (wieder) gut oder zumindest erheblich besser werden wird. die magische grenze oder schwelle ist also teil eines konditionalisierten geschehens: wenn ich noch x kilo abnehmen, x cm mehr oberarmumfang habe, dann wird es klappen mit dem neuen partner, dem besseren job oder womit auch immer. abstrahiert man das, dann handelt es sich um eine phantasmatisch aufgeladene variante des konzepts der bedürfnisaufschiebung: wenn ich jetzt leide, dann werde ich später umso besser leben. heilsversprechen, die sonst eher zum repertoire der buchreligionen gehören, wandern hier in das alltagserleben ein. und wenn es dann doch nicht klappt (was in den meisten fällen so sein dürfte), liegt es – so einfach kann es sein – nicht an den grundsätzlichen lebensumständen. sondern daran, dass ich nicht hart genug an mir gearbeitet habe, mir die falschen ziele gesetzt habe oder was auch immer. die karotte vor der nase des maultiers hängt noch. erreichen kann es sie nicht.

in einem jünsgt begonnen forschungsprojekt werden die konsequenzen von schönheitsoperationen auf der ebene des psychischen erlebens untersucht. und erstaunlicherweise sind sie nicht nur positiv. sie scheinen mit selbst-erschöpfungszuständen einherzugehen, die sich später nach den eingriffen einstellen. was an sich nicht verwunderlich ist – denn: die magische schwelle ist nicht überschreitbar. sie ist ein phantasieprodukt. eine falle. sie symbolisiert den versuch, inneres problematisches erleben durch äußere handlungen zu verändern. dass es sich hierbei nicht um eine besonders nachhaltige lösung handelt, dürfte auf der hand liegen.

natürlich ist die frage, ob es lösungen gibt. das spiel, in dem aussehen einer der  einsätze ist, ist ein hartes. es spielt mit emotionen wie einsamkeit und begehren. also sehr grundlegenden momenten unserer existez. wer nicht mitspielt, fliegt schnell raus (und hat es – in der logik dieses spiels – selber zu verantworten)

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