zuschauer des glücks der anderen

die im moment allerorten geführte debatte um homosexualität und homophobie, die neueren outings mehr oder weniger bekannter menschen, die aktionen rund um die rainbow-flame in berlin – all das finde ich spannend. ich verfolge es, natürlich ist das, was man zu lesen, zu hören und zu sehen bekommt, nicht immer das erfreulichste schlechthin (der homophobe bodensatz scheint doch stärker als erwartet) aber sei es drum. das thema ist da, es wird verhandelt. konflikt und diskurs, alles schön.

und doch merke ich genau in diesen tagen einmal mehr, wie schmerzhaft die eigene auseinandersetzung ist. in meiner jugend gab es niemand zum reden, niemand, an den man sich wenden konnte und das internet war auch eigentlich noch gar nicht erfunden. in der schule gab es striktes verschweigen und im familien- und freundeskreis war lange kein land in sicht. nach dem trotzdem vollzogenen outing und der mühsamen auseinandersetzung an vielen stellen habe ich mir damals vorgenommen, dafür zu arbeiten, dass es anderen mal besser gehen soll. und das habe ich auch getan. viel ehrenamtliche zeit in unterschiedlichen zusammenhängen habe ich mit aufklärung und beratung verbracht, vielen anderen geholfen, ihre ersten eigenen schwulen schritte zu gehen. und ich habe das immer gern getan und mich gefreut, wenn in anfänglich verunsicherten leuten der mut entstand, sich offen zu zeigen, out zu sein und so fort. ich habe solche erlebnisse bis heute, wenn auch in anderen kontexten als damals. und ich finde, es sind schöne und wichtige erlebnisse.

und trotzdem gibt es in mir auch eine enttäuschung, eine wut. denn was sich in den letzen, nun sind es knapp neun, jahren nicht ergeben hat, ist, dass sich jemand für mich interessiert hätte. natürlich, als berater, großer bruder, helfer und freund – immer gern genommen. so ein toller typ, der sich zeit nimmt, der zuhört, einfach da ist. genau. ich kann sowas. und wie gesagt: ich mache es gern. und trotzdem habe auch ich das bedürfnis, nicht nur theoretisch schwul zu sein. das bedürfnis, einen menschen an meiner seite zu wissen, der mir zugeneigt ist und der mich liebt. und den ich lieben kann.

ich merke, dass meine chancen, überhaupt als “sexuelles” oder gar beziehungs-wesen wahrgenommen zu werden, immer mehr sinken. klar, ich bin nicht mitte zwanzig, habe keine sportlerfigur und finde partys mit electro- und housemusik langweilig. aber scheinbar muss man genau so sein, um überhaupt eine chance zu haben, dass jemand interesse entwickelt. in den einschlägigen datingportalen kann ich tagelang eingeloggt sein, ohne, dass irgendwas passiert, selbst, wenn ich leute anschreibe. zugegeben – ich wünsche mir natürlich jemand, der in etwa mein alter hat. das ist schon so. (und damit meine ich nicht: zwischen 18 und ende 30. sondern: zwischen mitte 30 und mitte 40).

meine freunde sagen, ich müsste eben auf die entsprechenden partys gehen, dann würde das bestimmt klappen. die letzten versuche schlugen fehl. die mainstream-party hat vermutlich einen inoffiziellen dress-code, der bei hosenweite 33 endet. kann ich nicht mithalten. die alternativ-party war musikalisch nicht zu ertragen. und das war es dann auch schon fast an real-life-optionen.

und ich merke, wie sich da wirklich frust ansammelt. und auch angst. auch weil ich finde, dass ich es nicht verdient habe, einfach ignoriert zu werden, nur weil ich bestimmten vorstellungen nicht entspreche. oder warum auch immer. und auch die idee, dass man sich nur selber lieben muss, dann würden das auch andere tun, halte ich für eine krasse zurückverweisung eines grundlegenden problems an einzelne personen. ich möchte den menschen sehen, der jahrelang kaum die erfahrung macht, geliebt zu werden und sich trotzdem noch für toll und begehrenswert hält. ich glaube, dass wir sehr wohl auf die rückmeldung und die bestätigung anderer angewiesen sind. ich zumindest bin es. auch wenn ich damit noch weiter vom ideal des wahnsinnig autonomen und starken und was auch immer menschen entfernt bin. ich bin verletzlich, ich habe bedürfnisse. und ich sage das.

die frage ist also, ob es eine gute entscheidung war, anderen zu helfen anstatt die eigenen bedürfnisse in den vordergrund zu stellen. vielleicht ist es tatsächlich so. ich weiß es nicht. aber ich weiß, dass mich der aktuelle zustand traurig zurücklässt. zurücklässt auf einem platz, wo ich wieder nur der zuschauer des glücks der anderen bin.

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