siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: March, 2014

guten tag,

ich hätte gern bitte eine liebesbeziehung, spätere heirat wird nicht ausgeschlossen. danke

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anders? besser?

gestern habe ich mal wieder einen längeren ausflug in die gayromeo-welt gemacht. habe viele profile angeschaut. bilder gesehen, wenn vorhanden, texte gelesen. und gemerkt: es berührt mich kaum noch. ich finde es nahezu eher skurril, wenn in einer schon fast berechenbaren häufigkeit bestimmte sequenzen auftauchen. neben den klassikern (“du musst mich anschreiben, ich antworte aber nur vielleicht, wenn ich interesse habe” – “nur rasierte/dünne/junge/komplett flexible typen” – und mein lieblingsklassiker: “nur heterolike. ich steh ja nicht auf frauen”) und den oft fast verzweifelt wirkenden versuchen, sich selber als polyglott, superheiß und innerlich mindestens 15 jahre jünger als es im pass steht zu beschreiben (“ich, 50, wirke wie 30, suche boys bis 25 für gleichwertige beziehung auf augenhöhe”) wirkt es fast schon bieder, wenn jemand einfach ein paar sachen in seinem profil beschreibt, die ihn interessieren. und er darauf aufmerksam macht, dass er gern andere leute kennenlernen würde. was natürlich aus marketing-strategischen aspekten total schlecht ist. viele scheinen zu denken, dass eine scheinbare unverfügbarkeit sie wahnsinnig interessant macht. nun, wenn das das einzige, das jemanden interessant macht, kanns ja nicht weit her sein.

mir sind die regeln schon klar, und ich kann auch vieles verstehen, was da passiert. leute, die über 30 sind, haben es in der regel schwer, in einer sehr auf optik orientierten umgebung mit 19jährigen mitzuhalten. hey, möchte man sagen, lern es zu akzeptieren. dein körper wird nie wieder so aussehen wie früher. und wenn doch, dann nicht für lang. und du wirst sehr viel zeit damit verbringen müssen, ihn so weit zu kriegen. nun kann man blöderweise nicht verordnen, dass jemand sich mag. oder mit seinem körper zufrieden ist. das kann man nur aus sich heraus entwickeln. ich konnte das sehr lange zeit nicht. ich habe meinen körper als zumutung empfunden, war mir sicher, dass alle anderen mich irgendwo zwischen hässlich, abstoßend und ekelerregend einordnen würden. und falls doch jemand an mir interessiert war, dann gab es dafür sicherlich gute gründe, die alle nichts mit mir zu tun hatten (braucht sex und findet keinen/will jemand was heimzahlen/hat einen mysteriösen fetisch/….). das führte dazu, dass ich extrem darauf fixiert war, bestätigung von außen zu bekommen, die mich hätte versichern sollen, dass ich okay bin. was natürlich nicht ging. denn was innen nicht klappt, kann von außen nicht besser werden.

wenn leute mir gesagt haben, dass ich aus mir selber heraus entwickeln muss, dass ich gut bin, mich selber schön finden soll, dann habe ich mich sehr dagegen verwehrt. weil ich es nicht konnte. es hat mich überfordert, es war wie ein schlag. statt “du bist gut und das ist das gefühl, das du entwickeln musst” hörte ich “du bist falsch. und deshalb selber an allem schuld”. ich denke nach wie vor, dass gerade in den schwulen szenen ein sehr verengtes bild auf körperlichkeit vorherrscht. und ich finde das auch nach wie vor kritisch und unreflektiert. das phantasma der vollständigen körper-veränderungs-möglichkeiten schlägt auch da voll durch und wenn man sich immer schön einredet, dass jeder genau beeinflussen kann, wie er aussieht, dann hat man ein prima mittel, andere zu diskriminieren. man kann es übrigens nicht. also beeinflussen. zumindest nicht nachhaltig.

ich merke, wie sich mein empfinden ändert. mein körper und ich leben in einer inzwischen sehr friedlichen ko-existenz. manchmal nervt er mich, manchmal ich ihn. aber dass er nicht aussieht wie der eines 22jährigen leistungssportlers, das habe ich ihm schon lange verziehen. der weg dahin war für mich sehr hart. eigene grenzen zu akzeptieren ist nicht meine stärke. in diesem fall aber merke ich, wie viel entspannter das alles ist. in diesem sinne: love your body – and let your body be loved.

natürlich könnte ich

ich könnte. wirklich. ich könnte versuchen, abzunehmen. die ersten grauen stellen auf dem kopf überfärben lassen. ich könnte mir hippe klamotten kaufen, mir ein gayromeoprofil anlegen, in dem ich allen zeige, was ich für einen tollen body habe,in dem steht, dass ich zu allem immer und jederzeit bereit bin. ich könnte auf partys gehen, die man, wenn man es freundlich meint, als fleischgroßhandel bezeichnen würde. oder auf solche, die ein motto haben, das man dringend einhalten muss, wenn man mitmachen möchte. ich könnte nicht mehr heinz-rudolf kunze oder dark wave mögen sondern irgendwas aus den charts oder aber electro-minimal-pop. meine freizeit nicht mehr mit lesen verbringen sondern mit shoppen.

natürlich. überzeichnet. und das mit absicht. aber angesichts der massenhaft über 40jährigen “boys” auf den fuck-away-seiten, angesichts der wahnsinnig fettfreien muskelkörper oder “richtigen bären”, die scheinbar das kamasutra in alle richtungen beherrschen und immer genau an den richtigen stellen rasiert sind, frage ich mich immer öfter, wie ich das aushalten kann.

denn natürlich habe ich wenig interesse daran, anders zu sein. ich mag mich in weiten teilen (okay – sagen wir: ich finde je nach tagesform, dass ich okay bin oder zumindest gut auszuhalten). ich mag das, was ich in meinem leben tue. ich finde bücher wirklich spannender als laute musik nach mitternacht. ich mag deutschlandradio, ich gehe gern zu vorträgen und finde politik spannend. und geschichte auch. das heißt nicht, dass ich menschen nicht mag. im gegenteil. ich finde menschen spannend. aber eben eher die, die was zu sagen haben.

vor einigen tagen war ich zu einer wohnungsparty eingeladen. eine gute bekannte, mit der ich mich lange unterhalten habe, sagte mir: du bist vielleicht einfach zu klug. ich habe dem erstmal keine beachtung geschenkt, aber heute, einige tage später merke ich, wie sehr mich das beschäftigt. es stimmt, dass mir denken leicht fällt. ich kann da nicht viel dafür oder dagegen machen. andere leute können toll bodenturnen. oder geige spielen. beides ist mir nicht gegeben. bei sportarten, die komplexe bewegungsabläufe erfordern, bin ich ein totalausfall. und okay, eine geige hatte ich noch nie in der hand. aber darum gehts ja eigentlich auch gar nicht. es geht vielmehr um die frage, was ich mit so einer aussage anfange. oder welche bedeutung ich daraus interpretiere. ich weiß, dass intellekt einschüchern kann. und menschen irritieren kann. ich könnte mich natürlich dumm stellen. aber das, glaube ich, würde auch irgendwie schief gehen.

gleichzeitig habe ich keine lust mehr, immer der zu sein, der ohne partner rumrennt. in meinem freundeskreis bin ich nahezu der einzige. da gibt es noch zwei andere – eine sagte mir vor ein paar monaten, dass es kaum auszuhalten wäre, sie hätte schon seit sechs monaten (!) keine beziehung mehr. das ist tragisch. und ich kann da nur noch zynisch werden.

und es geht mir – um missverständnisse zu vermeiden – nicht darum, einfach “jemand” zu haben. der wunsch ist, mit jemand etwas gemeinsames zu entwickeln. in eine enge emotionale beziehung zu treten (und ja ich weiß, das kann ganz schrecklich anstrengend sein und ganz viel stress machen und so weiter), seelisch und körperlich nähe zu teilen. je älter ich werde, desto mehr angst habe ich davor, dass das nie mehr passiert. weil es immer schwieriger wird, andere schwule männer kennenzulernen. es sei denn, man zieht nach köln. oder berlin. und geht dann auf partys, deren musik man nicht mag. oder was weiß ich.

und weil ich nicht wusste, wohin mit dieser ganzen trauer, der sehnsucht, dieser ganzen angst und dieser vielen einsamkeit, steht es jetzt eben hier.