siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: May, 2014

ich habe keine lust mehr. keine lust mehr, mich abzumessen, abzuwiegen, beständig anzupreisen und mich verobjektivieren zu lassen.

keine lust, mehr meinen körper als angebot in virtuelle schaufenster zu legen. keine lust darauf, so zu tun, als wäre ich cool, hip, straight, männlich, hart und unverletzlich. keine lust, mich zu reduzieren, um wahrgenommen zu werden.

ich habe keine lust mehr, so zu tun, als wäre mir alles egal und dabei immer bereit zu sein. zu behaupten, meine eier wären (nicht) rasiert.

und wenn mir jetzt wieder einer kommt mit “stell doch dich nicht so an, das sind eben die spielregeln”, dann denke ich, dass ich dieses spiel nicht mitspielen will.

ich habe auch keine lust mehr, immer der dritte im bunde, das fünfte rad und vor allem dann genau wichtig zu sein, wenn mal wieder jemand wen zum zuhören braucht. oder bewundert werden will. und es ist mir egal, ob ich das gut kann oder nicht, es beschreibt nur einen teil von mir. ich habe keine lust mehr, immer in der zweiten reihe zu stehen und keinen zu haben, für den ich wichtig bin. ich würde ab und an auch gern mal meinen kopf an eine schulter lehnen oder auf eine brust legen und mich aufgehoben fühlen. und nicht immer nur schulter für andere sein.

ich habe verstanden, dass ich mit profilen und bmi-angaben nicht kommunizieren kann. mich interessieren menschen. und zwar solche, die man anfassen, denen man zuhören und mit denen man reden kann. die interesse an anderen menschen haben und denen es egal ist, wie lang mein schwanz oder wie definiert mein sixpack ist.

ich habe auch keine lust mehr, permanent kluge ratschläge zu bekommen. ich weiß, dass schwule im alltag oft nicht gut zu erkennen sind und dass man welche in der sauna treffen kann oder im schwulen sportverein. und sag jetzt nicht: “du musst eben durchhalten. dich mal einbringen”. als ob ich das nicht schon seit jahren tun würde.

und ich habe keine lust, permanent suggeriert zu bekommen, nicht gut genug, nicht schön genug, nicht offen genug oder nicht was weiß ich was genug zu sein. das ist anmaßend, das ist verletzend und respektlos. es wäre einfach mal nett, wenn jemand auf die idee kommen würde zu sagen: “ich verstehe, dass du trauerst, weil du einsam bist”.

ich habe auch keine lust mehr, mich permanent und stets und ständig anstrengen zu sollen. und wehe jetzt sagt wieder einer: “naja, ein bisschen engagieren musst du dich schon”. meistens sind das die, die seit drei jahren einen partner und nebenbei affären haben. das ist so leicht, aus der position des privilegierten auf den weniger privilegierten herunterzusehen und herunterzusprechen.

und natürlich bin ich neidisch. ich bin neidisch auf die, die sich bei den homo-demos halbnackt zeigen können, weil sie es können. ich kann es nicht. und ich bin neidisch auf die, die die blicke, das begehren anderer männer auf sich ziehen. ich tue nicht. ich werde nicht als begehrenswert wahrgenommen. egal, wie sehr ich mich anstrenge, wie viel sport ich mache, wie klug oder dumm ich mich stelle. und ich will auch nicht hören “du, dann ist vielleicht in dir drin was falsch”. ist es nicht. natürlich bin ich mit der zeit härter geworden. verletzlicher. vorsichtiger. ich habe wenig schönes erlebt. und ich weiß, dass die meisten leute den fehler in mir sehen. “wenn einer so lange schon alleine ist…”. einsamkeit ist ein makel. den man selbst verschuldet. dass die meisten menschen das so sehen, ist vielleicht die schlimmste verletzung, die ich mir in den letzten jahren zugezogen habe. und darauf habe ich auch keine lust mehr. wirklich nicht

ich habe lust darauf, mich zu verlieben. vorzugsweise in jemand, der auch lust hat, sich in mich zu verlieben. und den ich nicht über ein bild seines nackten hinterns bei gayromeo kennengelernt habe. einen, der gern spazieren geht. lange. und der reden und zuhören kann. und nachgedacht hat und damit nicht aufhört. dem ich etwas vorlesen kann, während wir uns nah sind. der sex wichtig findet. einen, der lust hat, das leben zu unternehmen. und genauso hartnäckig versucht es zu verstehen, wie ich. und ebenfalls genauso hartnäckig daran scheitert wie ich. auf so einen habe ich lust. und der fehlt hier überall.

 

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eben bei gayromeo

manchmal habe ich so anwandlungen und lese gayromoeprofile (ja,ich lese die texte. und in der regel sagen die viel mehr aus, als die meisten glauben. bei manchen denke ich dann: die texte sagen mehr aus, als der profilinhaber sich vermutlich wünscht).

heute habe ich nach vier profilen abgebrochen. alle waren zufällig aus der “online in meiner stadt”-liste. alles leute, die in etwa in meinem alter sind und deren headlines und/oder vorschaubilder ich interessant fand.

befund: in drei der vier profile wurden “echte männer” gesucht. bitte nicht “tuntig”. okay. das ist ja nichts neues, aber es nervt mich jedes mal wieder. mir ist schleierhaft, warum “tuntig” das gegenteil zu “männlich” sein soll bzw. welche charakteristika “echte männlichkeit” beinhaltet. wenn ich tief in meiner stereotypenkiste grabe, komme ich auf sowas wie “fußballguckenddabeibiertrinkendundrülpsendundsichamsackkratzend”. ich vermute allerdings, dass das nicht gemeint ist.

auch das unvermeidliche “no asians please” (einmal gepaart mit “ich bin wirklich kein rassist, aber”) fehlte nicht.

am unerfreulichsten fand ich aber folgendes: zwei der vier profile gaben vor, dass ihr jeweiliger inhaber auf der suche nach einer wirklichen, echten und ernsthaften beziehung sei. in beiden gab es auch ein “suchraster”, in dem merkmale des noch nicht aufgefundenen traumprinzen zu finden waren. und in beiden waren das ausschließlich körperliche merkmale. einmal sollte der potentielle bewerber “um die stelle in meinem herzen” (aaaaaaaaaaahhhhh!) auf jeden fall jünger, schlank, rasiert und muskulös sein. im anderen fall durfte der kandidat “gleichaltrig oder ein bisschen älter” aber auf jeden fall nur schlank, muskulös und wirklich gutaussehend sein.

ich finde es nachvollziehbar, wenn leute bestimmte vorlieben bei körpern haben. aber wenn das die einzigen “voraussetzungen” für den aufbau einer “ernsthaften” beziehung sind, dann ist da was ziemlich schräges dran. zumal ja immer dünne muskulöse leute gesucht werden, das kommt ja noch dazu. also ich frage mich in solchen momenten immer: warum so viele einschränkungen? warum so viele vorgaben? warum immer “männlichkeit” und “körperideal”? was macht man denn, wenn der herzensstellenfüller zwar zu beginn der beziehung aussieht, wie der coverboy der “du und ich”, dann aber nach drei jahren nicht mehr? austauschen? und was macht man mit sich selber? kaum einer sieht zeit seines lebens jung und sportlich aus. und vermutlich gibt es eine ganze menge leute, die da auch gar keine lust drauf haben. also ich meine: sich in ihrer freizeit primär damit zu befassen, dünn und muskulös zu werden und zu bleiben.

kann sein, dass ich irgendwie idealistisch, naiv oder some kind of oldschool bin. aber ich finde ja einen menschen interessant, wenn man sich beim dritten treffen noch so viel zu sagen hat, dass man das vierte sofort danach machen möchte. und wenn man sich bei dem anderen wohl fühlt. und dann ist mir das auch ehrlich gesagt total egal, ob der sich die eier rasiert oder nicht. ich finde romantik und füreinander da sein hundert mal erotischer als reine optik. natürlich habe ich auch sexuelle phantasien. und natürlich schaue ich bestimmte körper gern an. aber ich denke nicht, dass die einen menschen beschreiben. und um den gehts doch, wenn man sowas wie eine beziehung führen will. finde ich zumindest.

damit komme ich dann wieder zu der alles entscheidenden frage: wo trifft man nur andere schwule männer, die das auch so sehen? ich kann mir nicht denken, dass ich der einzige bin, der solche ideen und gedanken und wünsche hat.