siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: November, 2014

samstags

samstage sind schwierige tage. wenn ich durch die stadt gehe und zum einkaufen – schließlich muss das ja mal gemacht werden – und in die fitnessbude und sonst wohin, kann ich sicher sein, diversen pärchen zu begegnen. vollkommen normal, schließlich ist wochenende und irgendwann muss so eine beziehung ja auch mal gelüftet werden. ich gebe es gleich zu, dass ich oft wahnsinnig neidisch bin, wenn ich mitkriege, wie sich da zwei menschen mögen, gemeinsam pläne machen und irgendwie sehr wichtig füreinander sind (und um das gleich zu sagen: ja, ich weiß, dass das auch anders sein kann und beziehungen schrecklich anstrengend sind und so weiter. ist mir aber egal. würde ich in kauf nehmen. wirklich)

heute telefonierte ich erst mit einer freundin die vor allem mutter und redebedürftig ist. wir machen das ab und an, weil ich immer denke, dass das vielleicht auch wichtig ist und ich höre ihr auch eine weile gern zu, dann ist es aber meistens schon genug und sie ist erst beim ersten ihrer vier kinder und den sich darum konzentrisch ausbreitenden problemstellungen, die häufig den familieneigenen terrier und den ehemann sowie diverse lehrer und mitschüler berühren. blöderweise sind alle vier kinder auf verschiedenen schulen, so dass jedes kind ein vollkommen eigenes universum an schwierigkeiten eröffnet und wenn ich nach eineinhalb stunden doch leicht erschöpft bin, stellen wir fest, dass ich jetzt gar nicht sagen konnte, wie es mir geht. nun denn.

in der fitnessfabrik war dafür dann kein mangel an miteinander trainierenden pärchen, meistens so strukturiert, dass sich der typ der wissend-motivierend, die dame eher unlustig gab und er an unterschiedlichsten geräten versuchte, beeindruckend zu wirken. nix gegen ein bisschen alphamännchenmackertum aber manchmal denke ich dann doch, dass sich die heteros auch echt mal was neues einfallen lassen konnten. neben mir trug dann einer seine angebetete tatsächlich auf den schultern durch den rückentrainingsbereich, ihm konnte ich aber verzeihen, da ich ihn und die beiden äußerst zauberhaft im umgang miteinander fand, abgesehen von der tragenummer. aber in jungen jahren ist man schon mal ein bisschen drüber. jaja.

der typ zog sich dann neben mir um und sag so unangezogen gar nicht mehr so imposant aus wie im muscleshirt sondern ganz schrecklich angenehm und normal und ich musste mich beherrschen, ihn nicht anzustarren. ich mag es, wenn männer auch mal lächeln können. er konnte.

nachdem ich dann den einkauf hinter mich gebracht habe und da wieder nur schlanke gutaussehende herren unterwegs waren, die mir sofort das gefühl vermittelten, eine mischung aus wal und mutierter wassertonne zu sein, stellte ich mir im bus einen moment lang vor, wie es jetzt wäre mit einem menschen, mit dem ich mich emotional so eng verbunden fühle, dass wir tatsächlich eine beziehung hätten, panna cotta zu kochen und unglaublich leckere andere schweinereien, wie wir uns dann vor und nach dem essen lieben würden und ich in seinem arm liegend einschlafen und mich einfach aufgehoben fühlen könnte. für etwa drei minuten ein wunderbares gefühl, das mich zuhause motiviert diverse internetportale öffnen ließ, mit der gewissheit, dass es heute wirklich passieren wird. nach einer stunde war ich eines besseren belehrt, weder “willigesloch87” noch “passivfuerxxl” konnten mich in meiner romantischen stimmung abholen. in einem profil stand tatsächlich sowas wie “ich will menschen kennenlernen”, allerdings schien der besitzer zwischenzeitlich gewechselt zu haben, denn der chat war mühsam und kennenlernen schien wohl doch eher die erkundung von körperöffnungen zu sein und weniger sowas absurdes wie “reden” (oh gott! reden! wie vollkommen übergriffig von mir, das zu verlangen. fisten ginge klar, aber reden?).

meine therapeutin sagt an der stelle gern, dass sie viele schwule männer als patienten (gehabt) hat und dass auffälligerweise bei diesen so eine art bindungsstörung vorliegen würde und es scheinbar wirklich schwer wäre, so jemand kennenzulernen. und letztlich hat, dass ich keinen partner habe, sicherlich wahnsinnig viel mit meiner mutter zu tun und dass ich nie gestillt wurde und sie mir heute noch vorwirft ,dass ich ihr das vorwerfe, was aber gar nicht stimmt. es ist mir vollkommen egal und ich wüsste gar nicht, warum ich ihr so etwas vorwerfen könnte. zudem würde es die liste an tatsächlichen vorwürfen quantitativ nicht viel länger werden lassen, die ist lang genug.

und ich frage mich dann immer, wie andere leute andere leute kennenlernen und wie man das macht. eine freundin von mir lebt in einem ganzen konglomerat von dates und freundschafts-liebes-irgendwasbeziehungen und immer, wenn sie mit einer von denen schwierigkeiten hat, gibt es eine andere, die gut läuft. sie empfahl dating-apps, also habe ich gaydar, tinder und grindr versucht. alle sind auf ihre weise nicht gerade erfolgreich – dominiert bei grindr die kommunikativ reduzierte attitüde von gayromeo (man sollte es nicht glauben, aber es geht), passiert bei tinder gar nichts. wahrscheinlich zu wenig männer oder ich zu alt oder das bild ist wieder nicht ansprechend. außerdem will ich gar nicht so eine massenmenge an verschiedenen sachen, ich bin so grässlich spießig, ein mann würde mir vollkommen reichen und wenn es sein muss, noch ein hund dann aber nur einem häuschen mit zaun und einem kombi davor. für den hund versteht sich. und eigentlich würde ich den mann auch gern einfach so in meinem leben kennenlernen, da, wo ich eben so lebe und unterwegs bin. und nicht in irgendwelchen internetforen, die so kalt und unbelebt und abschätzig sind und wo leute behaupten, dass sie freunde suchen und das mit bildern von körperteilen, die ich in der regel verdeckt interessanter finde. aber vielleicht geht das heute so, dass man sich seine freunde mit dem schwanz aussucht und nicht mehr mit dem kopf (der ja bekanntermaßen in derlei profilen äußerst selten abgebildet ist und den man auch auf nachfrage nicht zu sehen bekommt, weil es wirklich eine zumutung ist zu verlangen, dass man ein bild von seinem gesicht macht! der aufwand! und dann muss man das hochladen! das geht nur mit genitalien, die dann aber perfekt ausgleuchtet und aus allen möglichen richtungen und blickwinkeln. hmja).

was also bleibt nach so einem samstag ist irgendwie ein seltsames gefühl, so, wie wenn man wirklich panna cotta essen möchte und nur noch naturjoghurt im kühlschrank ist weil man sich das panna cotta zwecks individueller umfangkontrolle im supermarkt noch verboten hat außerdem schmeckt es eh nur, wenn man es selber macht. und ein kleiner teil von mir möchte glauben, dass es irgendwann anders ist und ich hoffe, dass dieser teil nie aufgibt, bis es soweit ist. meiner persönlichen berechnung nach ist vor in sieben jahren nicht mit einer beziehung zu rechnen, das wären dann 16 jahre ohne und wenn ich keine lust habe, mit dem eigentlich belgischen pizzakellner heimlich zu schlafen, was ich nicht habe, dann wirds auch sexuell langsam echt schwierig.

Advertisements

trauer und neid

robbie manson hat sich geoutet. an sich wunderbar. ein sportler, noch aktiv in seinem kontext, zeigt, dass es möglich ist, schwul und profi zu sein. auf queer.de berichtet er über seine internalisierte homophobie. und darüber, dass er sie hinter sich gelassen hat. so weit, so gut.

so wichtig ist solche ereignisse finden und so sehr ich glaube, dass sie positive wirksamkeit entfalten können – so sehr hinterlassen solche meldungen auch immer etwas bitteres in mir. ich lebe seit knapp 20 jahren out. im privaten, im beruf, eigentlich überall. auch wenn es phasenweise sehr schwierig war, bin ich der überzeugung, dass es für mich genau der richtige umgang mit meinem begehren und meinem sein war und ist.

nun bin ich kein sportler, habe entsprechend auch keinen bilderbuchkörper. ich bin logischerweise auch nicht mehr anfang 20. ich habe andere stärken – ich bin klug, belesen und viele menschen mögen meine gesellschaft. trotzdem bin ich seit vielen jahren solo. ich habe in der letzten zeit viel versucht: grindr, tinder, gayromeo, gayroyal, okcupid. offline bin ich ehrenamtlich in einem homo-zentrum und bin auf vielen veranstaltungen, die sich mit dem thema befassen. ich versuche mich einzubringen, bin politisch und engagiert. manchmal überwinde ich mich sogar und gehe auf schwulen- oder queerpartys. gebracht hat es, außer einer menge frust, nichts. natürlich erzählen mir menschen, dass ich gut aussehe, dass sie gern zeit mit mir verbringen, dass ich eine angenehme gesellschaft bin und so wahnsinnig gut zuhören kann. stimmt auch. kann ich wirklich. spannend dabei ist: wenn ich mir wünsche, dass mir jemand zuhört, dass ich mit jemand meinen kummer teilen kann, dann ist es äußerst schnell vorbei mit dem interesse an mir. genauso, wenn ich versuche, kontakte zu anderen männern zu vertiefen.

ich habe es seit jahren nicht mehr erlebt, dass jemand interesse an mir gezeigt hätte, das zu mehr hätte führen können. aus dem vielleicht wirkliche nähe hätte entstehen können. natürlich lebe ich damit. und manchmal ist es mir auch nicht so wichtig. aber an manchen tagen wünsche ich mir auch so etwas, das viele menschen ganz selbstverständlich zu haben scheinen: jemand, dem ich wirklich wichtig bin. der sich nicht nur meine sonnenseite anschauen will sondern der genauso interessiert daran ist, warum es mir mit manchen sachen nicht so gut geht. der wissen möchte, wie mein alltag ist. den gab es seit vielen jahren nicht mehr. und offenbar finde ich auch nirgends einen. egal ob mit matchingpunkten oder in politischen diskussionen.

ich wünsche jedem menschen auf dieser welt, dass er diese erfahrung nicht machen muss (okay, ich gebe zu: manchen vielleicht doch. aber viele sind es nicht). denn es ist die vielleicht größte kränkung, die man erleben kann: wenn man eigentlich vollkommen egal ist.

an manchen tagen

an manchen tagen rasiere ich mir die scham. fast komplett, nur ein kleines bisschen zwischen bauch und schwanz lasse ich stehen, einen kleinen busch, ein signum von erwachsensein. der rest muss fallen, bringt mich für einen moment zurück in ein gefühl von unbeschwertheit und unbekümmertheit. in eine zeit, in der ich mich auch sexuell selbstbewusst fühlen konnte.

an manchen tagen rasiere ich mir die scham. und stelle mir vor, wenn ich das mache, bin ich begehrenswert. so wie die leute auf den bildern im internet. von denen ich weiß, dass sie momentaufnahmen sind. hergestellt. verädert. trotzdem scheinen sie als vergleichsfolie für die wirkliche welt zu dienen. und dann glaube ich für einen kleinen moment, dass mich andere männer so attraktiv finden könnten, dass sie sich mit mir einlassen wollen.

an manchen tagen rasiere ich mir die scham. und versuche, mit den haaren auch die scham über meinen nicht perfekten körper zu entfernen. die scham über den bauchansatz, der nicht mehr weggeht. über die kleinen risse in der haut an der einen oder anderen stelle. über die weichheit da, wo es straff sein müsste. die scham darüber, keinen begehrenswerten körper zu haben.

an manchen tagen rasiere ich mir die scham. und stelle mir vor, wie ein anderer das resultat entdeckt. mir sein begehren, vielleicht sogar seine verliebtheit ins ohr flüstert. der mich mag, weil ich ich bin. und er er ist. wie sich das anfühlt, weiß ich nicht mehr.