warum frühling schmerzhaft sein kann

es ist so eine sache mit den rationalisierungen. ich hatte mir fest vorgenommen, entspannt, offen und ohne erwartungen durchs leben zu gehen. mich nicht zu verbiegen, nicht krampfhaft zu sein. manchmal gelingt mir das gut: ich genüge mir, kann mir selber geben, was ich brauche und gut zu mir sein. an anderen tagen wird die sehnsucht zu groß. die sehnsucht danach, mit einem anderen mann etwas von meinem leben zu teilen. wichtig zu sein. das gefühl zu haben, geliebt zu werden. vielleicht abends vom zug abgeholt werden. mit jemand zu sein, der sich wirklich auch für mich interessiert. für den ich bedeutung habe. und nicht nur praktisch bin, nicht nur ratgeber, großer bruder oder ein “super kumpel”. was sowieso nur dann bedeutsam ist, wenn es den anderen gerade mal nicht so gut geht und sie jemanden brauchen, mit dem sie reden können. insbesondere dann, wenns mit dem/der liebsten gerade mal wieder nicht so klappt. ich meine, schön, wenn ich helfen kann. aber ich bin doch kein werkzeug, das man nur aus der kiste holt, wenn man es braucht. ich bin doch auch ein mensch. einer, der nicht immer so funktioniert, wie andere sich das vorstellen. der eigene wünsche hat, eigene fehler macht. scheinbar ist das nicht erlaubt.

wie aber damit umgehen? an schlechten tagen – und jetzt, wo der frühling beginnt und die paare wie pilze aus dem boden schießen und es unmöglich ist, 100 meter über die straße zu laufen, ohne paarmenschen zu sehen, häufen die sich wieder – habe ich keine ideen mehr. keine energie. ich habe es satt, immer möglichst toll sein zu sollen, offen, witzig, unterhaltend und natürlich auch noch schlank, muskulös und sexy. bitte wenns geht hier und dort (nicht) rasiert. mit (ohne) brille, vielleicht andere schuhe und ginge es vielleicht mit einem anderen oberteil? ich frage mich langsam, was das soll. geht es denn dann noch darum, einen menschen kennenzulernen? sich auf ihn einzulassen? oder gehts nur darum, ein statussymbol an seiner seite zu haben oder sich irgendwelche sexuellen phantasien zu erfüllen?

eine erste konsequenz aus dem destruktiven erleben war, dass ich meine onlineprofile bei den entsprechenden fleischsupermärkten ausgeschaltet habe. ich habe viele versucht – beide gr’s, grindr, okcupid und tinder. alle behaupten, der ort an sich zu sein, an dem man das findet, was man sucht. die erfahrung (und ich nehme an, die machen viele) zeigt, dass es nicht so ist. es findet selten überhaupt kommunikation statt (anders bei einem feund von mir: der ist dünn und muskulös und findet permanent dates), wenn, dann geht es darum, bilder zu tauschen, um zu beweisen, dass es “optisch passt”. ich meine, leute, bin ich eine handtasche, die zur sofagarnitur passen muss? natürlich haben wir alle präferenzen, natürlich leben wir alle in einer heteronormativen welt, die ein bestimmtes schönheitsideal vermittelt. aber reicht das? ist normiert aussehen ein hinweis darauf, dass man gut zueinander passt? oder ist es antiquiert zu denken, so etwas wie gemeinsames leben aufbauen zu wollen? und sich auch mal aushalten zu können, wenn es nicht rund läuft? so ist doch beziehung, zumindest in meinen augen. online habe ich das nicht gefunden. wohl auch, weil ich relativ zügig aussortiert werde. kein anorektischer BMI, keine 22 jahre mehr. kein vogue-gesicht. ich biete nicht ein glitzerndes leben. ich kann andere sachen gut. spazierengehen zum beispiel. reden. nachdenken. romantik. politisch sein. lachen. vorlesen (ja, das ist das mit den büchern). und so weiter.

natürlich klingt das verbittert. ist es in der momentaufnahme vielleicht auch. wenn ich überlege, wie lange ich schon alleine durch dieses leben gehe und wie wenig hoffnung ich mir inzwischen noch machen kann, überhaupt leute kennenzulernen. denn jenseits des virtuellen wird es schwierig. natürlich lebe ich in einer großen stadt. aber so etwas wie eine “szene” findet sich trotzdem nicht. wenn man mal von sauna und party-veranstaltungen, die sich an menschen richten, die halb so alt sind wie ich, richten, absieht. der homo-sportverein möchte auch lieber keine neuen leute aufnehmen. und einfach so auf der straße lernt man eben schlecht leute kennen. zumindest ich nicht.

was all das bedeutet, weiß ich nicht. ich habe kaum noch ressourcen, im kontext des beziehungswunsches immer wieder zu investieren und dann enttäuscht zu werden. sicherlich, ich bin kein einfacher mensch. aber trotzdem glaube ich, dass ich liebens-wert bin. aber vielleicht gehört es auch zum prozess des anerkennens von realität, dass das eben nicht so ist. empirisch gesehen zumindest scheint es eine fiktion zu sein.

in diesem sinne: schönen frühlingsanfang

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