bitte recht feindlich. meine letzten stunden mit grindr

ich habe mich bereits vor einigen wochen dafür entschieden, gayromeo und gayroyal nicht mehr zu nutzen. auch wenn die erfahrungen mit diesem schritt ziemlich ambivalent sind – weniger frustration und zeitverlust auf der einen seite, auf der anderen seite aber auch das gefühl, noch weniger schwule kontakte zu haben – bin ich alles in allem zufrieden damit, ihn getan zu haben.

das einzige, was ich im moment noch nutze, ist grindr. bekanntermaßen ist grindr die verschärfte form der suche nach schwulen kontakten, hier geht es kaum noch um “wie ist der andere” sonder “wie sieht der andere aus”. vom gefühl her würde ich sagen, die meisten nutzer dort sind zwischen 20 und 30 und – klassische charakteristik einer schwulen dating-veranstaltung – extrem normiert in ihren körpern. ich habe bisher kaum bilder von nicht-muskulösen, nicht-dünnen und nicht-sportlichen personen gesehen. dass das in hohem ausmaß lookistisch ist, liegt nahe.

was mich aber vielmehr irritiert, ist, dass bei grindr der aspekt des sozialen noch weniger bedeutung hat, als bei anderen angeboten. das mag der struktur der kommunikation geschuldet sein, verweist aber auf etwas, das mich immer wieder irritiert und auch traurig macht, nämlich der frage, wie eigentlich zwischen zwei schwulen leuten ganz normale soziale beziehungen zustanden kommen könnten. also solche, in denen ein gemeinsames entsteht, ein miteinander, ein wir. wo zeit miteinander verbracht wird, interessen geteilt werden und wo das leben des einen für den anderen eine bedeutung bekommt. so etwas fällt nicht vom himmel und es braucht zeit, geteilte zeit, genauer gesagt, in der sich das gemeinsame entwickeln kann. sicherlich gibt es immer auch mal leute, die sich bei grindr zum vögeln verabredet haben und dann mehr daraus wurde, aber ich wage die (empirisch natürlich nicht überprüfte) these, dass das nicht der regelfall ist. denn hier – und das wiederum ist die gemeinsamkeit aller schwulen datingportale, die ich kenne – wird die suche nach dem nächsten, besseren, optimaleren, geileren, hübscheren durch das von den usern dargestellte angebot nachgerade katalysiert.

ich glaube, es wäre falsch, daraus ein moralisches problem zu machen, ich würde das eher unter anreizethischen gesichtspunkten verstehen. wenn es um schnellen sex geht, dann ist es anreizkompatibel, immer weiter zu suchen, sich nach scheinbar besseren “alternativen” umzusehen. was aber – und hier scheint mir der eigentliche punkt zu sein – dabei auf der strecke bleibt, sind die menschen. grindr bietet eine struktur, in der menschen zu produzenten und konsumenten gleichzeitig werden. da es sich um ein äußerst textarmes umfeld handelt und man zunächst nur ein bild von sich zeigen kann, ist es naheliegend, dass der normierte körper der chancenreichste ist. gleichzeitig scheint es dadurch auch wichtig zu sein, alles andere abzulehnen. anders gesagt: durch die große wichtigkeit der scheinbaren attraktivität, die es darzustellen gilt, werden bei grindr (so meine subjektive erfahrung) ablehnungen über die körperliche optik begründet. das ist im übrigen bei gayromeo oder gayroyal selten anders, aber in meinem empfinden weniger krass.

allerdings ist es, und damit komme ich zum bezug zum titel des posts, ziemlich selten, dass überhaupt eine kommunikation stattfindet, wenn klar wird, dass man bei der anderen person durchs raster gefallen ist. meistens bricht das gespräch ab und/oder man wird geblockt. und ich glaube, dass es wichtig ist, sich diese struktur einmal unter verschiedenen aspekten näher anzuschauen. zum einen ist der einseitige, begründungsfreie abbruch der kommunikation ein sehr machtvolles mittel. es versetzt den, der die kommunikation abgebrochen hat, in eine situation der überlegenheit. symbolisch wird vermittelt, dass der andere es nicht einmal wert ist, dass weiter mit ihm geredet wird. zum anderen zeigt dieses verhalten, dass es bei grindr tatsächlich nicht um sozialität oder etwas gemeinsames geht, sondern darum, durch die (direkte oder symbolisch vermittelte) abwertung von anderen den eigenen wert zu sichern. oder anders: die beschädigung eines anderen selbst wird zur ressource der eigenen wertigkeit. das ist die klassische struktur sowohl von lookismus, homophobie und rassismus – und vielen anderen diskrimierungsstrukturen. (ich sehe, hier wäre es interessant, genauer nachzudenken. mache ich dann mal)

ich glaube, es ist wichtig, mein eigenes wunschmodell einer beziehungsanbahnung zu skizzieren, da das ja den bisher unausgesprochenen hintergrund meiner kritik darstellt. meine sozialisation war geprägt von zusammenhängen, in denen menschen irgendetwas gemeinsam getan haben (singen im chor, ehrenamtlich arbeiten, schwulenpolitik machen etc.) und sich dadurch als menschen kennenlernen. dort hat man sich in der regel nur angezogen erlebt und es ging nicht primär darum, schnell eine auswahl potentieller sexpartner zu finden. ich habe das immer als sehr angenehm erlebt, mit anderen menschen zusammen etwas zu tun und dabei kontakte zu knüpfen, sich dabei kennenzulernen. und hier entsteht auch ein wirkliches dilemma: viele schwule männer – gerade in meiner generation – sind zwar einsam und alleine, sehen aber keine möglichkeiten, gemeinsame aktivitäten zu entwickeln, obwohl die entsprechenden infrastrukturen vorhanden sind. das mag daran liegen, dass hinter der vermeintlichen freiheit, die es gesellschaftlich gibt, immer noch eine starke internalisierte homophobie steht. oder daran, dass schwulsein nicht als politische kategorie verstanden wird (was ein spannender diskussionspunkt wäre…). damit entsteht eine situation, die ich deshalb als dilemmatisch interpretiere, weil sie menschen offensichtlich davon abhält, sich zusammenzutun. der rückzug ins private wird unterstützt von den unterschiedlichen onlineangeboten, die eine schnelle verfügbarkeit von sozialiät vorgaukeln, diese aber letztlich nur für einen sehr kleinen teil der user bereitstellen. oder anders gesagt: eine app wie grindr kann funktionieren, wenn man ein marktgängiges subjekt ist. um das überhaupt darstellen zu können, braucht es aber viele andere, die das nicht sind und die als abgrenzungszone dienen (verbalisiert meistens in phrasen wie “keine dicken, keine tunten, keine spinner, keine alten, keine asiaten….” (sic!) und so weiter), die aber mit der hoffnung, dass es vielleicht doch noch klappen könnte, dabei bleiben.

also was wünsche ich mir? soziale zusammenhänge, in denen sich menschen treffen und kennenlernen können. und nicht nackte oberkörper und anforderungslisten. vielleicht ein bisschen sehr 1980er, ich weiß. aber auch hier stirbt die hoffnung zuletzt