herbstanfang in 1024 worten

ich hatte mir vorgenommen, mir nie wieder vorzunehmen, zu einem bestimmten moment in meinem leben in einer beziehung, einer romanze oder etwas in der art zu sein. und wie jedes mal klappt dieser vorsatz nicht. fixe daten wie der herbstanfang ziehen mich an, sind in meinem denken und fühlen fest verankert. und so gab es zwar eine innere abwehr gegen den wunsch, den herbstanfang nicht alleine sondern zu zweit zu begehen, aber in einem teil von mir war er eben da. ich habe versucht, diesen wunsch zu vergessen, ihn aus meinem denken und fühlen zu verbannen aber wünsche, so scheint es mir, sind zäh, widerständig und geradezu unartig.

heute hat der herbst begonnen. ich mag diese jahreszeit, in der es nicht mehr so warm ist, in der das licht so unterschiedlich aussehen kann, in der viele farben entstehen und verschwinden. ich verbinde mit herbst dinge wie nebel, kerzen, spaziergänge, seen, tee trinken, nüsse und äpfel. früher auf dem dorf war der herbst die zeit, in der wir kastanien gesammelt haben, in der man wieder gummistiefel anziehen müsste und in der der wald so ungemein geheimnisvoll wirkte. ich habe mir als kind immer vorgestellt, wie im herbst in diesem wald geschichten entstehen, die sich die bäume gegenseitig erzählen bevor es zu kalt wird. jedes blatt, das auf den boden sinkt ist eine erinnerung, ein gefühl, vielleicht für immer verloren.

in meiner jugend wurde im herbst ein freund zu grabe getragen, der erste mann, bei dem ich mir sicher war, dass wir uns eines tages küssen würden. dazu hat die zeit nicht gereicht, davon geblieben ist eine erinnerung, die heute nicht mehr sehr präsent ist. die beerdigung fand an einem tag im oktober statt, goldene sonne, viele junge menschen, bunte kleider und schwarze rosen tragend. eine lehrerin, die mir viel bedeutete, hielt eine rede. in dem moment, als der sarg in die erde ging, wusste ich, dass damit auch eine hoffnung beerdigt würde, die hoffnung auf händchenhalten, romantik und zärtlichkeit. bis heute kann ich zu keiner beerdigung gehen, ohne dabei in vollkommen unkontrollierte weinkrämpfe zu verfallen, die mir unangenehm sind, mir preußisch-pietistisch zurechtgebogenen menschen, in dessen kindheit keine gefühle außer demut und angst erlaubt waren. letztere auch nur vor gott, der gemeinde und den eltern. ich aber hatte vor meinen sportlehren angst und vor meinen mitschülern, das zählte aber nicht.

seit mehr als einer dekade bin ich nun alleine. ab und zu hatte ich sex mit einem kiffenden pizzakellner aus einem touristenlokal, der immer wechselnde freunde hatte und alles musste immer sehr geheim und konspirativ sein und was würden die nachbarn nur denken. irgendwann hatte ich darauf keine lust mehr, zumal der sex nur bedingt interessant war. meistens hat er nebenbei pornos geschaut, die er gerne nachspielen wollte. er glaubte an verschwörungstheorien, den stoff dazu fand er in nächtlichen n24-reportagen, die sich immer total stoned ansah und beim erzählen verwechselte er immer all das gesehene und illusionierte. selten habe ich einen menschen erlebt, der so wenig sinn für andere hatte.

wenn ich heute hier so sitze, merke ich, dass die bilanz nicht gerade rosig ausfällt. die sache mit dem haus und dem hund und dem kind hat sich irgendwie erledigt. sowas kann man nicht alleine machen und irgendwann ist man zu alt. und wenn ich dann irgendwo über homophobie spreche oder auf einem csd mit spaziere oder sonstwie engagiert bin, frage ich mich manchmal, warum ich das eigentlich alles noch mache und die frage erschreckt mich, weil sie alle meine inneren werte angreift. man muss doch uneigennützig sein und für die gute sache eintreten, sich gehör verschaffen, argumente und zeit investieren. ich mache das auch gern, ohne frage. aber dann gibt es einen teil der nach dem warum fragt – warum all diese aktivitäten wenn das, wofür ich kämpfe, mir selber nie zu gute kommt. wenn ich nicht morgens neben einem mann, den ich liebe aufwache, nicht mit dem durch die straßen renne um der welt zu zeigen, wie sehr wir uns lieben. nicht so einen zu haben, der auch mal interesse daran hat, wie es mir geht, wie mein tag war, wie mein leben abläuft und auf dessen schulter oder sonstwo ich mal meinen kopf ablegen kann, wenn ich müde geworden bin von all dem tun und leisten und performen. wo es so etwas gibt wie eine körperliche ebene der nähe und des vertrauens.

ich bin es müde, wenn ich dann höre, man müsse sich selber lieben und sich selber sinn geben und all diese falsch verstandenen psycho-eso-sentenzen, die so wenig mit dem zu tun haben, was ich empfinde. natürlich ist es günstig, wenn man mit sich irgendwie klar ist und einigermaßen im reinen und seine macken kennt und damit umgehen kann. spannenderweise sagen einem solche sachen immer leute, die in beziehungen sind, die das privileg besitzen, geliebt und – wenn es richtig gut läuft – begehrt zu werden. ich glaube, dass es dann einfacher ist, derlei schlecht verdautes viertelwissen in die welt zu tragen, weil man das problem, was man damit scheinbar zu lösen glaubt, gar nicht kennt. ich erzähle nicht mehr oft davon, dass ich einsam bin, weil es meistens dazu führt, dass ich befremdete blicke ernte oder die situation unangenehm wird. vielleicht ist es auch schwer, so ein gefühl zu teilen, eines, vor dem wohl viele menschen angst haben, das mit scham und schande vermischt ist. dabei erzähle ich das nicht, um ratschläge zu bekommen, ich kenne das, was man dann sagt. ich erzähle es, weil ich einen moment lang nicht einsam sein will, einen moment lang die angst, für immer alleine bleiben zu müssen, nicht alleine fühlen will. ich hoffe dann oft, dass sie dadurch kleiner wird, weniger fratzenartig, wenn sie sozusagen ins öffentliche licht gezogen wird.

es ist herbst geworden. bald ist mein geburstag. das nächste blöde datum. es ist der elfte, den ich als singlemensch begehen werde. natürlich freue ich mich auf vieles in der kommenden zeit. aber ich fürchte, selbst das werde ich eben wieder mit mir allein ausmachen. manchmal schaue ich mir abends gay-romance-filmchen auf youtube an und bewundere die erzälungen von zwei männern, die irgendwie zueinander finden. die sich mühe geben, umeinander werben. wie schön muss sich das anfühlen.

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