come out.

mich machen coming-out-geschichten immer traurig. und ich habe lange nicht verstanden, warum das so ist. als ich dann ganze sammlung davon gefunden habe, alles geschichten von sportler_innen im übrigen, habe ich noch einmal länger darüber nachgedacht. ich glaube, es ist die struktur der geschichten. die meisten vermitteln die perspektive, dass ein coming-out in der regel zu einem erfolgreicheren (schwulen) leben führen. viele der erzählenden protagonist_innen sind zudem während ihres coming-outs oder kurz danach in beziehungen.

sicherlich sind solche geschichten wichtig. sie können unterstützend wirken und schaffen öffentlichkeit, sichtbarkeit, repräsentation. die erzählenden können als role-models wahrgenommen werden, mut machen und kraft geben.

mein eigenes coming-out war schwierig und hat sich über viele jahre hingezogen. ich war nie ein herausragender sportler, konnte also nie mit besonders viel von dem aufwarten, was offensichtlich als zentrales moment männlicher attraktivität gilt. mir stand es auch nie wirklich zu gebote, mich besonders zu kleiden, mich als auffällig zu inszenieren. ich bin eher ein ziemlich durchschnittlicher typ, offensichtlich nicht gut und interessant genug, um als liebens- und begehrenswert wahrgenommen zu werden. entsprechend habe ich alle meine coming-outs – im freundeskreis, in der familie, an der uni und später bei der arbeit – immer alleine gestemmt. die meisten liefen gut, ohne frage. ich bin mir meiner sexualität sicher, finde sie unproblematisch und habe so früh ich konnte begonnen, mich in schwulenpolitischen und später in queerpolitischen kontexten zu engagieren. ich habe verantwortung dafür übernommen, dass es solche kontexte gibt und dass sie weiter bestehen können. das tue ich bis heute.

das coming-out in der familie war, im gegensatz zu den anderen, schwierig. ich komme aus einem äußerst religiösen kontext, in dem es sehr mühsam war, zu vermitteln, dass ich kein alien, dämonisch verstrickter oder kranker mensch bin. ich habe das durchgekämpft, es hat viele gespräche, viel streit und viele verletzungen gebraucht, um ein familiäres klima zu schaffen, in dem alle wieder auf augenhöhe miteinander klarkommen können. bis heute ist dieser status phasenweise brüchig und es gibt nach wie vor kränkende situationen. ich habe das alles geschafft und ich habe es alleine geschafft. nicht, weil ich das besonders spannend fand oder finde, sondern weil ich es musste. mich hat keiner begeitet, auf mich hat keiner gewartet, mich hat keiner nach so einem kampf in den arm genommen und unterstützt. auch wenn man natürlich diese schritte nicht für andere geht – ich habe mir oft gewünscht, sie zumindest mit jemand anderem gehen zu können.

später habe ich dann einige jahre junge leute begleitet, die ihr coming-out gerade erlebt hatten oder es planten. ich habe zugehört, mit eltern gesprochen, aufklärung betrieben, bin da gewesen. es gab viele sehr emotionale momente in diesen jahren. und ich bin froh, das getan zu haben. es war eine wichtige zeit, auch für mich.

manchmal frage ich mich, was ich erzählen würde, wenn mich einer fragen würde, wie mein coming-out war. meine geschichte ist nur bedingt eine erfolgsstory, weil sie nicht mit dem endet, was ich mir immer gewünscht habe: einem mann an meiner seite, mit dem ich etwas teilen kann. jetzt bin ich beinahe 40 jahre alt. immer noch aktiv, immer noch engagiert. ich versuche mich einzubringen, strukturen zu gestalten, themen zu setzen. und auch hier ist immer wieder diese emotionale figur: ich mache das alles gern. und ich freue mich, wenn dinge gelingen, wenn pläne aufgehen. aber ich teile es mit niemandem in einem emotional intimen kontext. obwohl ich viele schwule leute kenne, will keiner von denen mich kennenlernen, mit mir zeit verbringen. (außer natürlich, wenn es gerade in der eigenen beziehung schlecht läuft). mir hat vor ein paar tagen einer gesagt, dass er mich wirklich interessant findet, aber er könne nur mit wirklich schönen männern was anfangen. ich weiß, dass ich damit nicht dienen kann. ich bin kein model, ich bin nicht ideal. ich war es nie und werde es nie sein. ich frage mich nur, ob das wirklich das zentrale kriterium sein kann.

inzwischen bin ich mir sicher, dass das, was die letzten elf jahre nicht geklappt hat, vermutlich nie klappen wird. und das wäre auch eine art coming-out-geschichte. aber keine, die gut endet.

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