siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: March, 2016

manchmal frage ich mich

und das meine ich ganz ernst: ich frage mich danach, warum ich das eigentlich alles mache. oder gemacht habe. das coming-out, was wirklich ein schwerer und harter weg war. ich habe keine liberale familie, ich komme richtig vom land und musste einiges einstecken. ich habe mir einen festen standpunkt dahingehend erkämpft, aber diesen kampf möchte ich nicht nochmal kämpfen.

dann die politische arbeit. die vielen termine. die konflikte in vorständen. die versuche, gelder zu finden, um die arbeit zu finanzieren. pressemitteilungen zu den unmöglichsten uhrzeiten. sitzungen in irgendwelchen vollkommen überflüssigen gremien. redebeiträge auf demos. vorträge. und so weiter. ich mache das an sich gern. und auch alles gern in meiner freiezeit. aber manchmal frage ich mich: warum? wozu?

sicher: ich habe einiges erreicht. viele verbesserungen. veränderungen. ich bin nicht unwirksam bei dem, was ich tue. menschen schätzen mich. als redner, schreiber, geldorganisierer, vorstand und vorgesetzten. und ohne meine eigene biographie könnte ich diese arbeit nicht machen. weil sie natürlich auch einen standpunkt braucht, der über “irgendwie gegen diskriminierung sein” hinausgeht.

und doch: selbst in dieser form des öffentlich-seins, diesen vielen sichtbaren momenten habe ich keinen anderen mann kennengelernt, der sich für mich interessiert. gestern war ich in einer größeren runde unterwegs. alle haben von ihren neuesten dates erzählt, wie schön und spannend. ich habe nicht dazugehört zu dieser runde. ich habe keine dates. weil sich keiner mit mir daten will. weil mir als mensch wohl niemand die menge interesse entgegenbringt, die es dafür braucht. es ist, als ob ich müde belächelt werde, wenn ich den versuch mache, jemanden zum kaffeetrinken einzuladen. klar, ich bin kein adonis. und nicht mehr 25. aber was muss man denn alles leisten, um als interessanter mensch wahrgenommen zu werden?

inzwischen gehe ich davon aus, dass ich den rest meines lebens ohne liebe verbringen muss (konservativ geschätzt noch etwa 39 jahre) es sei denn, ich kaufe sie mir ab und an für ein paar stunden. aber zu diesem schritt bin ich noch nicht bereit. das heißt: kein gemeinsames einschlafen, kein sex, keine umarmung, kein interesse an dem, was mir wichtig ist. so ist es jetzt schon weit über ein jahrzehnt. und ich wünsche es meinem ärgsten feind nicht, so leben zu müssen. zwischen parship, gayroyal und annoncen. zwischen zermürbenden chats mit sozial inkompatiblen menschen und irgendwelchen pimmelbildchen. zwischen der abendlichen einsamkeit und dem langsamen verstummen, wenn es um die eigene gefühlslage geht. mit der jedes mal aufs neue enttäuschten hoffnung, dass es dieses mal klappen könnte. (gut, einer gruppe wünsche ich das vielleicht schon: denen, die immer dieses “du musst dich nur selber lieben….”gewäsch absondern. ich kann es nicht mehr hören. und es ist einfach auch eine lüge).

aber natürlich gibt es auch lichtblicke: gestern habe ich ein sehr jjunges schwules paar gesehen. 16, 17 jahre vielleicht. öffentlich in der öffentlichkeit. das ist wirklich eine veränderung zu der zeit, in der ich groß geworden bin. eine, die mich glücklich macht.

frohe ostern.

 

 

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nennen sie mich einfach will

der-typ-den-keiner-will