montagblues

mein comingout war kein einfaches. vermutlich teile ich diese erfahrung mit vielen schwulen männern meiner generation und meiner sozialen herkunft. am land in einem dörfchen lebend, organisierte sich unser leben komplett durch die kirchengemeinde. zu meinen frühesten kindheitserinnerungen gehören alte frauen, die über den herrn jesus erzählten, der alles sehe, kirchenlieder und bedrohliche pfarrer, die von gericht, verderben und ewiger verdammnis predigten. unser alltag war strukturiert durch liturgische handlungen: morgens zusammen in der bibel lesen, tischgebete, geistliche lieder. abends die pietistische gewissenserforschung. die struktur ist simpel: alles gute kommt von gott, alles schlechte vom menschen, also mir. für das gute ist dankbarkeitgegenüber gott angezeigt, für das schlechte (zum beispiel: eigensinn, wollust, faulheit, müßinggang, schlechte gedanken, zweifel….) demut, die bitte um vergebung. leugnen war zwecklos, weil der her jesus ja eben alles sehe und situativ wegen mir weinen musste oder wütend wurde. ich kenne die vorstellung eines strafenden gottes, der seine kinder – und so eines musste man unbedingt sein, sonst war die hölle sicher – auch mit strafen daran erinnerte, den rechten weg nicht zu verlassen oder auf denselben schleunigst zurückzukehren.

die praxis pietatis als seelenformungstechnik habe ich – konzeptionell – erst sehr viel später in meinem leben begreifen gelernt, erfahren hab ich sie, seit ich denken kann. der pietistische protestantismus meines elternhaus war kein besonders fröhliches christentum. bis heute reflektiere ich mein handeln und fühlen in überdimensioniertem ausmaß und kann schwer davon loslassen, auch wenn die bezugsgröße nicht mehr irgendeine form von gottevorstellung ist. früh eingeübt sind arbeitsethos, lustfeindlichkeit und die ewige gewissheit, niemals sicher zu sein, ob die rettung vor dem bösen denn nun auch realisiert worden sei.

in der gemeinde war ich ein aktiver jugendlicher. ich habe so ziemlich alles mitgemacht, geleitet, unterstützt und besucht, was es dort gab. die alternativen am land sind minimal. fußballverein, rotkreuz und feuerwehr standen zur auswahl. alle meine freunde und die freunde meiner eltern waren in der gemeinde, sie war soziales wie geistiges zentrum, vermittelte werte aber auch geborgenheit, bedeutsamkeit und sicherheit – etwas, das es in meiner kernfamilie niemals gab.

meine pubertät begann in einem kleinstadtgymnasium, miefig und konservativ. ich war schnell als außenseiter markiert, weniger weil ich mich besonders auffällig verhalten hätte, sondern weil ich ein guter schüler war und mich die literarischen und geistes- und sozialwissenschaftlichen fächer mehr interessierten als der sportunterricht. ich war per se kein sportlicher jugendlicher, ballspiele machten mir angst, meine koordination war eher übersichtlich und das, was in diesen stunden von vielen als aufregend und spannend erlebt wurde – wettkampf, schnell und stark sein, körpertechnik – war mir fremd, blieb mir äußerlich und ich konnte dem nichts abgewöhnen. entsprechend war mir kein platz in der einflussreichen riege der coolen jungs zugedacht, die schnell die regeln des zusammenseins in unserer klasse beherrschten.

meine geistige pubertät begann in der hinwendung zu einer freikirchlichen gemeinde, hin zu noch strengeren lebens- und glaubensregeln, verpackt in bunten liedern, modernen gottesdienstformen und dem versprechen des wahren christentums, lebendig gehalten durch die taufe mit dem heiligen geist. quasi eine überwindung des starren pietistischen glaubens, freilich nur auf der vorderbühne.

mit 12 jahren bemerkte ich zum ersten mal, dass mich andere jungen interessierten. es war kein direktes sexuelles erleben, wir hatten nach den 10. klassen sport und einmal überschnitt sich die belegung der umkleiden. ich sah einige von den “großen” unter der dusche und spürte eine seltsame faszination, wie sie vielleicht nur von erotischen gefühlen ausgehen kann. “schwul” kannte ich nur als schimpfwort, es hatte mit meinem erleben nichts zu tun, außerdem war für mich völlig klar, dass gott menschen so gemacht hätte, dass sie als mann und frau zusammenlebten. es hat bis in meine frühen 20er gedauert, diese vorstellungen zu verlassen und mein eigenes begehren zulassen zu können, dieses begehren, für das es keinen raum gab in der welt, in der ich aufwuchs. nicht in der familie, nicht in der gemeinde, nicht in der schule. homosexualität war ein verbot, der gedanke daran sünde. wenn ich erektionen beim gedanken an andere jungen bekam, erschrak ich, fühlte mich schuldig, falsch und gottlos. es hat zunächst eine weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass ich anderen jungen resp. männern auch körperlich und sexuell nah sein wollte. und dann hat es sehr lange gedauert, bis ich diese gefühle zulassen konnte, ohne dass ich mich dafür schlecht zu fühlen hatte. gott sei dank. oder seinem bodenpersonal. man weiß es nicht.

das bedeutete: in der einer zentralen phase sexueller entwicklung und emotionalen lernens hatte ich keine gelegenheit dazu. ich konnte mit 15 keine ersten erfahrungen mit männern sammeln (zudem: woher nehmen?), nicht das gefühl von begehren und begehrt werden entdecken. dazu kam, dass ich auch als jugendlicher nie in den top ten der großen schönheiten vertreten war. meine stärken liegen woanders. eine konstellation, die mir bis heute große probleme macht. denn obwohl ich sehr viel sport mache und trainiere und mich bemühe, sehe ich nicht besonders danach aus. ich erfülle weder das kriterium schlank noch definiert. ich bin eher massiv. offensichtlich etwas, das quasi keine nachfrage hat. mein körper ist eigensinnig. er widersetzt sich dem bemühen, annehmbar für die augen und das begehren anderer zu sein. vielleicht schlechte gene. oder eben einmal mehr: halt pech gehabt. es gibt ja kein recht auf gelebte sexualität. oder gar liebe

und heute? heute lebe ich nun nach einem harten comingout und fast 20 jahren schwulenpolitischer arbeit nahezu ausschließlich allein. die protestantische leistungsidee hat mich also angelogen: man kriegt nicht unbedingt was gutes zurück, wenn man sich bemüht. einige sehen einfach so gut aus. oder sind einfach so, dass andere sind spannend finden. eigentlich die meisten leute, die ich kenne – kaum jemand berichtet von so langen phasen des alleinseins, der erzwungenen enthaltsamkeit.

in meinem leben gab es mehrere männer, einem ersten erinnern nach sind es sieben, in die ich mich wirklich verliebt habe. so, dass es weh tat. keiner von ihnen hat sich für mich entschieden. einige haben mit mir gespielt. einige haben sich abgewandt. das waren jedes mal sehr schlimme erfahrungen, denen keine guten entgegen stehen. und ich finde, es wäre jetzt wirklich einmal an der zeit für eine gute erfahrung.

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