die schwule wunde

in etwa heute vor 27 jahren habe ich das erste mal einem anderen menschen erzählt, dass ich glaube, dass ich auf – damals noch – jungs stehe. es war eine schwierige situation, eine komplizierte zeit. damals war mir noch nicht klar, welche konsequenzen diese einsicht für mein weiteres leben haben würde. sie hatte immense konsequenzen. aus der tatsache, schwul zu sein, sind zentrale biografische entscheidungen und extrem bedeutsame einsichten in meinem leben entstanden. meine sicht auf die und mein nachdenken über die welt ist fundamental geprägt von der erkenntnis, dass eine eigenschaft, die als abweichung von der “normalität” wahrgenommen wird, zu sozialer ungleichbehandlung führt.

diese ungleichbehandlung habe ich sattsam in meinem leben erfahren, sowohl durch meine markierung als schwuler mann in einer heternormativen gesellschaft aber auch im kontext der schwulen gemeinschaft dadurch, dass ich niemals den dort herrschenden schönheitsidealen entsprach. ich weiß, was körperliche gewalt gegen schwule durch nazis bedeutet, wie ich mobbing und ausschluss anfühlt und wie es ist, wenn man immer wieder auf neue damit umgehen muss, seine eigene positionierung als schwul zu markieren und sich damit verletzlich und angreifbar zu machen. ich weiß, was es heißt, auf parties der zu sein, der alleine nach hause geht (das war nie anders), der im internet keine sexdates findet und der immer als “guter freund” aber nie als jemand, der als erotisch oder emotional attraktiv gesehen wird. ich habe, obwohl ich immer ein sehr sozialer und kommunikativer mensch war und bin, freunde verloren, als ich in phasen gekommen bin, in denen es mir schlecht ging. scheinbar bin ich für viele nur wertvoll, wenn ich nützlich bin, nicht aber, wenn ich selber subvention brauche, wenn es mir nicht gut geht. das hat mich sehr verletzt und vielleicht auch vorsichtiger werden lassen.

ich erlebe selten, eigentlich fast nie, dass ein anderer mann emotionales, erotisches und/oder sexuelles interesse an mir artikuliert. oft ist das gegenteil der fall. in den “dating”apps werde ich häufig beleidigt. mein bmi liegt mit irgendwas zwischen 27 und 28 vermutlich schon zu weit über dem, was als akzeptabel gilt. an so was wie geistige verbundenheit, gemeinsame interessen, geteilte werte und inhalte mag ich inzwischen nicht mehr glauben. das, was ich mir damals vor 27 jahren vorgestellt habe, als ich das erste mal darüber sprach, dass ich schwul bin, war wohl eher naiv. ich dachte: ich lerne irgendwann jemanden kennen, wir verlieben uns und beginnen etwas gemeinsames zu entwickeln. eine lebensperspektive. eine beziehung. etwas, das trägt und auch konflikte, stürme und veränderungen aushält. etwas, in dem auch für mich momente des ausruhens, eine schulter zum ab und zu mal anlehnen vorhanden wären. es ist nie passiert. das mit der schulter kann ich gut für andere. ich unterstütze bis heute immer wieder junge lgbttiq-leute, wenn sie im coming-out unterwegs sind. ich bin ansprechbar für menschen, die mir nahe stehen. ich versuche das, was ich wertvoll in der welt finde, zu leben, auch wenn es mich oft sehr viel zeit und energie kostet. meine akkus scheinen dabei selten eine rolle zu spielen.

meine schwule wunde. das erleben, immer wieder nicht nur nicht wahrgenommen, sondern deutlich abgelehnt zu werden. als ganzer mensch vollkommen bedeutungslos zu sein. und damit letztlich ein leben zu führen, das ich nie wollte, mit viel einsamkeit und tränen im kopfkissen anstatt gemeinsam erlebten momenten und geteilter freude. ob es sich dafür wirklich lohnt?

 

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