siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: May, 2017

nur geträumt

vor ein paar nächten träumte ich. es waren zwei situationen, beide handelten davon, dass ich mit einem anderen mann (es war beide male der gleiche) zusammen unterwegs war und er mir – ganz körperlich – halt gegeben hat. diese situationen waren so voller glück, so unabdingbar, unhintergehbar, nahezu “pur”, dass ich sie nicht in worten beschreiben kann. dieses gefühl, körperlich aufgefangen zu sein, ließ mich nahezu taumeln und ich habe dabei geweint, als ich aus dem traum erwachte.

nun ist es keine frage, das zu verstehen. ich erlebe das überhaupt nicht in meinem leben, dass jemand mir körperlich – nicht zwingend sexuell – auf diese art nahe ist. es gibt keine menschen, die mich halten oder von mir gehalten sein wollen, zumindest keine, die ich in irgendeiner form verlässlich oft sehe. je länger ich mich mit mir und meinen bedürfnissen, meiner biografie und meinem leben auseinandersetze, desto klarer wird mir, dass das ein sehr altes thema in meinem leben ist. meinen körper als etwas zu begreifen, das auch einen positiven aspekt beinhaltet, ist für mich ausnehmend schwierig. ich bin mit meinem körper nicht besonders gut befreundet, es ist eher eine art zweckbündnis. wenn ich ihm einigermaßen verlässlich gebe, was er braucht, habe ich selten schmerzen. sport ist ein kompromiss, schöner werde ich dadurch irgendwie nicht, aber zumindest fühle ich mich an manchen tagen gerade und irgendwie okay.

ich habe dann dieses gefühl aus dem traum in beziehung zu dem gesetzt, was ich bei gayromeo und grindr undsoweiter erlebe. dort sind die gespräche ja überwiegend verletzend, abwertend, beschämend. selbst die, bei denen sexuelle kontakte möglich scheinen, laufen meistens abschätzend, prüfend und lauernd. so etwas wie sich auseinanderzusetzen, sich kennenzulernen, etwas gemeinsames zu entwickeln, selbst wenn es flüchtig ist, gelingt kaum. nur nicht zu viel reden, ja keine forderungen haben, nicht kompliziert erscheinen. immer zu allem bereit. fotos aus allen winkeln, insbesondere des genitalbereiches, sind voraussetzung.

nun kann man das relativ einfach damit erklären, dass schwule männer eben auch opfer gesellschaftlicher verhältnisse sind, die sie unterdrücken und beschämen und dass das natürlich auf jeden einzelnen menschen einwirkt. die erfahrung, in einer gesellschaft zu leben, die einem feindlich gegenübersteht, führt meistens eher nicht zu einer auseinandersetzung oder zu solidarität sondern zu selbst- und dann fremdabwertung. und die kann man eben besonders gut an gleichsam ebenfalls “schwachen” anderen ausleben – andere schwule männer eignen sich besonders gut. offensichtlich. das ist schade, denn in dieser situation liegt auch ein potential der entwicklung. und zwar eins, das vor allem einer gemeinsamen bearbeitung zugänglich wäre. sich klar zu werden, dass man gemeinsam die gleichen strukturellen herrschaftsformen erleiden muss und dass es kaum möglich ist, denen als einzelner was entgegenzusetzen, erfordert kommunikation, bewusstsein und offenheit. vermutlich auch verletzlichkeit. und ich glaube, genau die könnte dann auch zu wirklichen begegnungen führen. fraglich ist, wo man räume dafür schaffen kann. gayromeo und co sind es auf keinen fall.

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vom öffentlich sein

heute fand ich in meiner facebooktimeline die nachricht, dass jim parsons seinen langjährigen lebensgefährten geheiratet habe. ebenso tauchen dort immer wieder unterschiedliche andere nachrichten dieser art auf: von tom dayley, der sich outete, von anderen promis, die homosexuell leben, den schritt in die öffentlichkeit gehen und/oder ihre beziehungspartner*innen heiraten oder so etwas in der art.

an sich sind das schöne geschichten. wichtige geschichten. dass schwul- oder lesbischsein zunehmend auch etwas ist, das im gesellschaftlichen raum und mit partnerschaften verbunden gedacht und wahrgenommen wird. also politisch bin ich erfreut. persönlich trifft es mich jedes mal: mich hat beim comingout kein partner unterstützt, weil ich keinen hatte. auch später nicht. und auch heute nicht. ich kann auch nicht sagen, dass es einen menschen gibt, bei dem ich das gefühl habe, angekommen zu sein. mit dem ich jahrestage feiern kann. gemeinsame ereignisse. mit dem ich so viel zeit und nähe verbringe, mit dem es gegenseitige unterstützung gibt, einfach, weil es so ist. der interesse an meinem leben hat. daran, wie es mir geht. was ich mache. was gerade schön in meinem leben ist und was schwierig. der interesse an meinen entscheidungen hat. und der seine mit mir bespricht. der sich auseinandersetzt mit mir. der mit mir streitet und dann nicht einfach weg ist. sondern wiederkommt.

ich werde gar nicht wahrgenommen als jemand, mit dem zeit verbringen möchte. außer, es geht darum, etwas zu bearbeiten. zu besprechen. ein problem zu lösen. aber dass mich jemand als interessant, attraktiv resp. begehrenswert und liebenswert verstanden, wahrgenommen oder gar (!) bezeichnet hat – das ist viele viele jahre her.

wozu

bin ich überhaupt (noch) da?

guten tag einsamkeit

einsamkeit ist ein schwieriges gefühl. es ist schambesetzt, voller peinlichkeit, etwas, das man eigentlich nicht haben, nicht fühlen soll. es verweist in seiner gänze darauf, scheinbar sozial nicht ausreichend eingebunden zu sein. einsamkeit ist ein isolierendes gefühl, ein emotionales perpetuum mobile, eine spirale, etwas, das sich immer wieder verstärkt, verdichtet, sich wie eine wand vor mich stellt. gerade in so einer zeit wie jetzt, die von erheblichen umbrüchen gekennzeichnet ist, wird deutlich, wie sehr es keinen ort in meinem leben gibt, an dem ich mich zugehörig fühle, kaum einen menschen, bei dem ich mich aufgehoben und im positiven sinne integriert wahrnehme. ich bin, eine quintessenz von 41 jahren, einmal mehr auf mich gestellt. darauf, dass ich jede entscheidung eben alleine treffen muss.

vor ein paar tagen hatte ich ein date mit einem sicherlich netten typen, vielleicht hieß er maik oder mario, in dessen gegenwart ich mich unendlich einsam gefühlt habe. wir hatten uns nichts viel zu sagen, der sex war belanglos und nicht besonders gut, ein ritualisiertes abarbeiten von bedürfnissen, ich hätte weinen können, so durchtränkt war diese ganze situation von der unmöglichkeit, wenigstens einen kurzen moment von gemeinsamkeit, verbundenheit oder zusammensein herzustellen. es blieb, zumindest für mich, eine situation, in der ich gänzlich unverbunden sexuelle handlungen mit einer anderen person vornahm, die aber komplett bedeutungslos blieben, weil sie ohne jedes gefühl von gegenseitigem interesse abliefen. hinterher flüchtete ich, voller scham und abwehr.

ich ging in die muckibude, um ein wenig ablenkung zu bekommen und war auch dort einsam zwischen all den menschen, die voller energie versuchten, ihren körper noch besser, noch glatter, fester, optimaler und definierter zu machen. ich bin sehr anfällig für diese situationen, in denen ich mich selber nicht wertschätzen kann. mir wurde klar, dass meine zeit vorbei ist. ich hatte zwar nie einen besonders schönen körper aber die erkenntnis, dass ich vor allem niemals schön, attraktiv und begehrenswert sein würde, überrollte mich förmlich zwischen butterfly-maschine und kabelzug. mein körper hat nicht die jugendliche form gehabt, das geforderte aussehen, das in den schwulen kontexten so wichtig ist. er ist im unteren unterdurchschnitt, faltig und speckig, mit narben und hautrissen. er strahlt keine virilität aus, das scheint mir generell nicht gegeben zu sein, sondern wirkt, trotz meiner unablässigen bemühungen, ihn straff und geformt zu halten, scheinbar auf die meisten menschen uninteressant oder abstoßend. das ist tatsächlich ein problem, weil ich natürlich auch körperliche und emotionale bedürfnisse haben, die an andere menschen gekoppelt sind. scheinbar sind aber bestimmte körperformen mehr oder unabdingbar, um überhaupt noch bei diesem zirkus mitspielen zu können. und natürlich hatte maikmario in irgendeiner form interesse an mir, aber es wirkte nicht so, dass sein interesse mir galt sondern vielmehr dem befriedigen des sexuellen. ich finde das legitim, es macht nur die sache nicht einfacher oder besser.

und damit bleibt die frage, ob dann mit anfang 40 alles vorbei ist. ob es nicht mehr möglich ist, jemanden kennenzulernen, der mehr interesse an mir entwickelt als eine unterbrechung seiner eigenen einsamkeit, einen neuen schwanz, eine andere performance. egal woran es liegt, die einsamkeit ist an manchen tagen so schmerzhaft, dass ich nicht denken kann, weil sie mich verspannt, meinen kopf in eine schraubzwinge nimmt, mich lähmt. wenn mich vor 10 oder 20 jahren jemand gefragt hätte, wie ich mir mein leben vorstelle, dann wäre ich niemals auf die idee gekommen, dass ich das, was heute ist, als ergebnis präsentieren müsste: ein leben, in dem ich seit weit über einem jahrzehnt keine partnerschaft erlebe, in dem sexualität ein organisatorischer aufwand mit zum teil großen demütigungen ist (wer grindr nutzt, weiß, was ich meine), in dem es wenig anker und viel meer gibt. ich habe immer gedacht, dass ich so schlecht nicht sein könnte, dass sich vielleicht auch jemand für mich, als mensch, interessieren könnte. sich nach mir sehnen würde. sich auf mich freuen würde. scheinbar bin ich nicht wertvoll genug, um das zu sein.