siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

Month: July, 2017

es ist soweit

voraussichtlich ab dem 1.10. dürfte ich einen mann heiraten. theoretische freude. und danach die erkenntnis: mich will seit so vielen jahren nichtmal einer kennenlernen, mit mir zeit verbringen oder gar kuscheln. dann wird das wohl für mich auch mit dem heiraten nichts. das gute ist: es muss ja auch die geben, die dieses glück nicht erleben. als schlechtes vorbild, als warnung oder was auch immer.

csd. oder wo einsamkeit richtig weh tut

bald ist wieder csd. ich gehe hin, natürlich, bin sogar irgendwie involviert. helfe mit. sage laut, dass es weiter gehen muss mit emanzipation, gleichberechtigung und akzeptanz. wie jedes jahr, nunmehr seit 17 jahren an unterschiedlichen orten.

einen csd habe ich mit damals mit meinem freund zusammen erlebt. kurz vor der trennung. den im jahr danach mit dem zweiten verlobten, aber trotzdem allein, weil der leider nicht viel davon hielt, selber für sich und seine rechte einzustehen. wir trennten uns dann auch. seitdem bin ich allein. ab und zu sexdates (in der letzten zeit kaum noch – über 40 und mit bauch, da hat man kaum chancen. oder ich bin grundlegend verkorkst, das kann auch sein).

und jedes mal fühle ich mich beim csd schrecklich allein. ich wäre gern mit jemandem zusammen, der das mit mir teilt. ich finde die demonstration unglaublich wichtig, deshalb halte ich das vermutlich auch jedes jahr aus, da alleine hin- und wieder wegzugehen. ich weiß, dass ich optisch mit den meisten männern* dort nicht mithalten kann. ich bin nicht klassisch gutaussehend, nicht ansprechend, nicht dem-entsprechend. sondern in der tat habe ich einen körper, der trotz des vielen sports und der versuche einer entsprechenden ernährung immer unförmig aussieht. und das scheint das zu sein, was zählt. oder ich verstehe nicht, was zählt. freundlich und offen zu sein, engagiert und politisch, intelligent und zugewandt –  das scheint es nicht zu sein. und letztlich werde ich morgen wieder allein sein unter dem regenbogen und alleine von dort wieder weggehen. und dass es seit 14 jahren so geht, macht mir angst. ich weiß nicht, wie lange ich diese einsamkeit noch aushalten kann.

welche welt?

diese frage stelle ich mir in den letzten tagen wieder vermehrt. welche welt ist das, in der es sich-findende und sich-gefunden-habende schwule pärchen gibt, die jetzt zuhauf wieder in irgendwelchen artikelchen zur eheöffnung auftauchen. meistens sind das junge, gutaussehende (also vor allem sehr selten: dicke) männer, die händchen halten und knutschen. und glücklich aussehen. mich irritieren diese bilder.

ich lebe in einer relativ großen stadt. es gibt hier kaum so etwas wie “szene” im klassischen sinne. klar, man kann cruisen gehen oder auf partys, die nach mitternacht anfangen. für leute mit meinem arbeitspensum eher ungeeignet. und ich finde die meisten dieser partys superöde. in meinem privaten leben, das durchaus mit vielen menschen zu tun hat, scheine ich bisher niemand besonders gefallen zu haben. und die, die mir gefallen haben, waren entweder vergeben oder haben sich was besseres – das ist nicht besonders schwer – geangelt.

und trotzdem will ich den gedanken nicht aufgeben, dass man sich doch irgendwie auch einfach so kennenlernen kann. sich interessant finden kann. das geht scheinbar immer nur anderen leuten so, ich scheine offensichtlich vollkommen uninteressant, nicht begehrenswert und sowieso nicht als jemand wahrgenommen zu werden, den man kennenlernen will (nur wenn es im leben schwierigkeiten gibt. da bin ich auf einmal sehr gefragt. bis die vorbei sind)

was mich am meisten irritiert und auch verletzt, ist, dass die scheinbaren optionen wie gayromeo und co. so wenig möglichkeiten des eigentlichen kennenlernens anbieten. der umgang dort ist – und wenn man, wie ich, darauf angewiesen ist, weil es keine angebote für schwule männer über 40 gibt, außer man ist ein “bär” oder sowas – nicht schön. das, was ich mir wünsche – einen mann an meiner seite, der interesse an mir hat, respektvollen umgang wichtig findet und mit dem es möglich ist, eine beziehung, liebe und vertrauen aufzubauen – ist dort nicht möglich. und es ist ja auch kein wunder, wenn die dritte frage die nach den chwanzbildern ist und man vom anderen nach sexuellen vorlieben aber nicht nach seinem namen gefragt wird. die anonymität macht zudem einen freundlichen umgang für viele überflüssig. neben nicht eingehaltenen verabredungen, offensichtlichen lügen und ziemlich viel rassismus, erlebe ich dort oft beschimpfungen.  ich sei ein fettes schwein, ekelerregend hässlich usf.

und dann frage ich mich, wenn ich wieder diese bildchen sehe, wo zwei männer einfach händchen halten, ob die sich auch so kennengelernt haben. mit schwanzbildern und ewigem abgechecke und respektlosem umgang. oder ob es tatsächlich auch leute gibt, die einfach interesse an anderen menschen haben und sich einlassen können, auf mehr als nur ein set an sexuellen vorlieben.

ich habe die hoffnung schon lange aufgegeben, auch wenn die sehnsuch nach wie vor sehr groß ist. und irgendwann logge ich mich wieder ein bei irgendeiner blauen seite um einmal mehr die erfahrung zu machen, dass ich offensichtlich für andere männer uninteressant bis vollkommen wertlos bin.