siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

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advent

vor weihnachten wird mir immer besonders klar, was es bedeutet, wenn einer alleine ist. wenn ich alleine bin. gestern, als ich mit dem zug durch die welt fuhr, habe ich an jedem haltebahnhof pärchen gesehen, die sich begrüßt haben. leidenschaftlich, erwartungsvoll. es gab umarmung, küsse, einmal offensichtlich freudentränen. ich kam nach hause und natürlich hat mich keiner vom bahnhof abgeholt. wie auch. es interessiert ja nicht mal jemanden, wo ich gerade bin oder was ich gerade mache. gestern beispielsweise hätte ich viel zu berichten gehabt. ich habe einen tollen erfolg bei der arbeit erzielt, habe etwas für mich wichtiges verändert. aber wem soll ich es erzählen?

ich würde gern mal was anderes schreiben. von einer tollen begegnung. von verliebt sein. von jemand, der sich für mich interessiert. mit dem etwas beginnen kann. der freude an mir, lust auf mich hat. dem ich etwas bedeute und der das auch zeigt. und andersrum. aber diese geschichte scheint es für viele menschen zu geben, für mich nicht. das macht mich unendlich einsam, unendlich traurig und erschöpft. ich stehe wieder am rand des spielfelds, verstehe die regeln nicht und kann das spiel, das so viele fröhlich spielen, nicht mitmachen.

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geburtstag

in ein paar tagen werde ich 42. wenn ich, in bezug auf liebe, nähe, emotionalität und sexualität eine bilanz ziehen würde, würde sie schlecht aussehen: ein sexdate in diesem jahr, mehrere geplatzte verabredungen, die neuen schwulen männer, die ich kennengelernt habe, sind alle vergeben. interesse an mir hat, wie immer, keiner gezeigt. meinen geburtstag werde ich wieder allein verbringen. die leute, die ich gern um mich hätte, sind nicht hier und leben zu weiten teilen inzwischen andere leben. ich besitze nur noch für wenige meiner freunde relevanz. was ich verstehen kann.

aber hey: wenigstens kann ich mir der einsamkeit anstoßen. da sind wir wenigstens fast zu zweit.

heirate mich

ab heute dürfte ich heiraten. das ist grundlegend eine tolle errungenschaft. ein wichtiger schritt hin zu einer gleichberechtigteren gesellschaft.

für mich ist es aber auch ein noch deutlicherer hinweis darauf, wie wenig liebenswert ich zu sein scheine. mich will nämlich keiner heiraten. oder mit mir zusammen sein. oder sex mit mir haben (aber hey: ich hatte schon einmal sex im jahr 2017. andere, die ich kenne, haben fünfmal so oft sex in einer woche…).

ich werde in einigen wochen 42. damit scheine ich, so wie ich bin, zu den überflüssigen zu gehören. es fühlt sich nicht gut an.

181 tage

ich gebe mir und dem leben noch sechs monate. 181 tage. in dieser zeit sollte es doch möglich sein, die liebe zu finden. selbst für einen wie mich, den keiner haben will. angeblich passt ja auf jeden topf ein deckel. ich bin gespannt. die zeit läuft

warum es egal bleiben wird

vor ein paar tagen habe ich mich bei grindr und gayromeo abgemeldet. also mit profillöschen und all dem. es ist mir nicht besonders schwer gefallen, nachdem ich einmal rational bilanz gezogen habe: neue leute habe ich dort in den letzten jahren kaum kennengelernt. dafür aber sehr viel zeit damit verschwendet, mir arschlochbilder, die ich nie haben wollte, anzuschauen, blöde gespräche zu führen und klargemacht zu bekommen, dass ich ziemlich wertlos bin. das, um was es mir geht – nämlich nähe (und damit meine ich schon auch sex, aber eben nicht nur) – gibt es dort für mich nicht. das, was schön sein könnte – neugierig aufeinander sein, sich kennenlernen, sich entdecken, miteinander in kontakt kommen – gibt es da vermutlich nur für sehr bestimmte leute. dazu muss man vor allem dünn und/oder muskulös und jung sein. und natürlich: keine ansprüche an irgendwas haben. kann ich alles nicht bieten. ich bin mit über 40 für schwule verhältnisse sehr alt, mit einem bmi, der über 23 liegt, fett und damit vollkommen inkompatibel. natürlich ist es jetzt noch schwieriger, andere schwule leute kennenzulernen, aber zumindest habe ich nicht andauernd das gefühl, dass es passieren könnte und bin dann enttäuscht, dass es nie passiert.

 

ich gehe zur zeit im schnitt fünfmal die woche in die muckibude, trainiere alles und ausdauer dazu, esse kaum noch dinge, dir mir schmecken. ich habe keine illusion, besonders viel helfen wird das alles nicht, aber wenigstens tu ich irgendwas. wenn ich mich dann mit den anderen leute vergleiche, die dort trainieren, dann frage ich mich allerdings auch, ob ich einfach was falsch mache oder eben pech gehabt habe mit der genetik.

ich habe seit jahre kein entspanntes kuscheln mehr mit einem anderen mann erlebt. berühren wollen mich nur leute, die geld dafür bekommen.

natürlich würde ich viel lieber etwas anderes hier schreiben. von einer beginnenden romanze, von verliebtsein, von nähe. und ganz gebe ich die hoffnung nicht auf, aber sie wird jeden tag weniger, an dem sich einfach gar nichts in diese richtung entwickeln will. und ich habe angst davor, in 30 jahren sagen zu müssen, dass mein leben vollkommen zweckfrei und verschwendet war.

ich möchte

einfach nicht mehr alleine sein. sondern zu zweit. mit allem, was dazu gehört: vertrauen und misstrauen, zeit und stress, kritik und liebe und was weiß ich. ich halte das alleinsein nicht mehr aus. es ist wie eine bremse, die mich vollkommen verzögert. die mir mein leben nimmt. warum muss mir das geschehen? warum gibt es niemand, der sich für mich interessiert? bin ich so schrecklich? wahrscheinlich. ich habe es offensichtlich nicht verdient, geliebt zu werden.

wie es endet

wenn es so weiter geht, endet es nicht gut. diese woche habe ich gelernt, dass ich ab jetzt blut spenden darf, wenn ich ein jahr keinen sex habe. auf facebook überbieten sich die kommentare in der auseinandersetzung mit der absurdität dieser karrenz-zeit. ich teile das. die regelung ist behämmert und schwulenfeindlich. viele leute wundern sich aber vor allem darüber, wie man es nur aushalten kann, ein jahr keinen sex zu haben. und dass das ja unmöglich wäre. ist es nicht. wenn du nämlich so bist, dass keiner mit dir sex haben will, dann bist du schnell bei so einem zeitraum. ungewollt. nicht gewählt. sondern weil du nicht ausreichend bist, nicht gut genug, weil zu dick/alt/hässlich was weiß ich. wenn du das liest: such dir was aus. ich habe schon so ziemlich alles gehört. was ich schon sehr lange nicht mehr gehört habe: ich will dich kennenlernen. ich habe lust auf dich. ich finde dich heiß. möchtest du mich küssen. oder wie auch immer.

und so wird mein leben, das eigentlich noch nicht mal richtig angefangen hat, eben auch enden: ohne liebe von einem anderen mann. ohne sex mit anderen männern. einfach, weil ich nicht mehr weiß, was ich noch tun soll. noch ausprobieren soll. wie sehr ich mich noch verbiegen soll. weil das, was ich bin, scheint so derart abstoßend zu sein, dass in den letzten monaten niemand auch nur den versuch unternommen hat, mit mir etwas anzufangen. meine versuche waren unzählig. dafür in keinem fall von erfolg gekrönt. man könnte sagen: keuschheit wider willen.

aber wenigstens kann ich dann bald blut spenden. das ist zwar nicht so schön wie körperliche nähe. aber wenigstens kann ich nützlich sein

no one knows…

ich bin schwul. keine neue erkenntnis. wissen die meisten menschen. ich finde das nicht besonders problematisch. denn: ich bin sowieso nur theoretisch schwul. praktisch bin ich ein mensch, der ohne sexualität, ohne körperliche und emotionale nähe zu einem anderen mann lebt. ohne das zu wollen. im gegenteil. aber ich scheine inkompatibel mit den anderen schwulen männern zu sein. zu hässlich sei ich hat mir vor ein paar tagen einer geschrieben. nicht, dass mich das noch besonders verwundern würde. es passiert relativ häufig. im gegensatz zu “ich will dich kennenlernen” oder ” du interessierst mich” – oder gar “ich freue mich, dich zu sehen” oder “ich möchte gern zeit mit dir verbringen”.

ich gehöre offensichtlich nicht dazu. eine schwierige erkenntnis, die folgenreich ist. es ist nur die abwesenheit gelebter sexualität. sondern das geht viel tiefer. es geht dahin, dass meine existenz eine einsame ist und ich offensichtlich, egal, was ich anstelle, daran nichts ändern kann. ich bin scheinbar wirklich das sprichwörtliche quadrat unter lauter kreisen. und das ist eine äußerst schmerzhafte wahrheit, denn sie stellt mich vollkommen und umfangreich in frage. ich bin nicht mal nur zaungast. sondern überflüssig.

es ist soweit

voraussichtlich ab dem 1.10. dürfte ich einen mann heiraten. theoretische freude. und danach die erkenntnis: mich will seit so vielen jahren nichtmal einer kennenlernen, mit mir zeit verbringen oder gar kuscheln. dann wird das wohl für mich auch mit dem heiraten nichts. das gute ist: es muss ja auch die geben, die dieses glück nicht erleben. als schlechtes vorbild, als warnung oder was auch immer.

csd. oder wo einsamkeit richtig weh tut

bald ist wieder csd. ich gehe hin, natürlich, bin sogar irgendwie involviert. helfe mit. sage laut, dass es weiter gehen muss mit emanzipation, gleichberechtigung und akzeptanz. wie jedes jahr, nunmehr seit 17 jahren an unterschiedlichen orten.

einen csd habe ich mit damals mit meinem freund zusammen erlebt. kurz vor der trennung. den im jahr danach mit dem zweiten verlobten, aber trotzdem allein, weil der leider nicht viel davon hielt, selber für sich und seine rechte einzustehen. wir trennten uns dann auch. seitdem bin ich allein. ab und zu sexdates (in der letzten zeit kaum noch – über 40 und mit bauch, da hat man kaum chancen. oder ich bin grundlegend verkorkst, das kann auch sein).

und jedes mal fühle ich mich beim csd schrecklich allein. ich wäre gern mit jemandem zusammen, der das mit mir teilt. ich finde die demonstration unglaublich wichtig, deshalb halte ich das vermutlich auch jedes jahr aus, da alleine hin- und wieder wegzugehen. ich weiß, dass ich optisch mit den meisten männern* dort nicht mithalten kann. ich bin nicht klassisch gutaussehend, nicht ansprechend, nicht dem-entsprechend. sondern in der tat habe ich einen körper, der trotz des vielen sports und der versuche einer entsprechenden ernährung immer unförmig aussieht. und das scheint das zu sein, was zählt. oder ich verstehe nicht, was zählt. freundlich und offen zu sein, engagiert und politisch, intelligent und zugewandt –  das scheint es nicht zu sein. und letztlich werde ich morgen wieder allein sein unter dem regenbogen und alleine von dort wieder weggehen. und dass es seit 14 jahren so geht, macht mir angst. ich weiß nicht, wie lange ich diese einsamkeit noch aushalten kann.