siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

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wie es endet

wenn es so weiter geht, endet es nicht gut. diese woche habe ich gelernt, dass ich ab jetzt blut spenden darf, wenn ich ein jahr keinen sex habe. auf facebook überbieten sich die kommentare in der auseinandersetzung mit der absurdität dieser karrenz-zeit. ich teile das. die regelung ist behämmert und schwulenfeindlich. viele leute wundern sich aber vor allem darüber, wie man es nur aushalten kann, ein jahr keinen sex zu haben. und dass das ja unmöglich wäre. ist es nicht. wenn du nämlich so bist, dass keiner mit dir sex haben will, dann bist du schnell bei so einem zeitraum. ungewollt. nicht gewählt. sondern weil du nicht ausreichend bist, nicht gut genug, weil zu dick/alt/hässlich was weiß ich. wenn du das liest: such dir was aus. ich habe schon so ziemlich alles gehört. was ich schon sehr lange nicht mehr gehört habe: ich will dich kennenlernen. ich habe lust auf dich. ich finde dich heiß. möchtest du mich küssen. oder wie auch immer.

und so wird mein leben, das eigentlich noch nicht mal richtig angefangen hat, eben auch enden: ohne liebe von einem anderen mann. ohne sex mit anderen männern. einfach, weil ich nicht mehr weiß, was ich noch tun soll. noch ausprobieren soll. wie sehr ich mich noch verbiegen soll. weil das, was ich bin, scheint so derart abstoßend zu sein, dass in den letzten monaten niemand auch nur den versuch unternommen hat, mit mir etwas anzufangen. meine versuche waren unzählig. dafür in keinem fall von erfolg gekrönt. man könnte sagen: keuschheit wider willen.

aber wenigstens kann ich dann bald blut spenden. das ist zwar nicht so schön wie körperliche nähe. aber wenigstens kann ich nützlich sein

no one knows…

ich bin schwul. keine neue erkenntnis. wissen die meisten menschen. ich finde das nicht besonders problematisch. denn: ich bin sowieso nur theoretisch schwul. praktisch bin ich ein mensch, der ohne sexualität, ohne körperliche und emotionale nähe zu einem anderen mann lebt. ohne das zu wollen. im gegenteil. aber ich scheine inkompatibel mit den anderen schwulen männern zu sein. zu hässlich sei ich hat mir vor ein paar tagen einer geschrieben. nicht, dass mich das noch besonders verwundern würde. es passiert relativ häufig. im gegensatz zu “ich will dich kennenlernen” oder ” du interessierst mich” – oder gar “ich freue mich, dich zu sehen” oder “ich möchte gern zeit mit dir verbringen”.

ich gehöre offensichtlich nicht dazu. eine schwierige erkenntnis, die folgenreich ist. es ist nur die abwesenheit gelebter sexualität. sondern das geht viel tiefer. es geht dahin, dass meine existenz eine einsame ist und ich offensichtlich, egal, was ich anstelle, daran nichts ändern kann. ich bin scheinbar wirklich das sprichwörtliche quadrat unter lauter kreisen. und das ist eine äußerst schmerzhafte wahrheit, denn sie stellt mich vollkommen und umfangreich in frage. ich bin nicht mal nur zaungast. sondern überflüssig.

es ist soweit

voraussichtlich ab dem 1.10. dürfte ich einen mann heiraten. theoretische freude. und danach die erkenntnis: mich will seit so vielen jahren nichtmal einer kennenlernen, mit mir zeit verbringen oder gar kuscheln. dann wird das wohl für mich auch mit dem heiraten nichts. das gute ist: es muss ja auch die geben, die dieses glück nicht erleben. als schlechtes vorbild, als warnung oder was auch immer.

csd. oder wo einsamkeit richtig weh tut

bald ist wieder csd. ich gehe hin, natürlich, bin sogar irgendwie involviert. helfe mit. sage laut, dass es weiter gehen muss mit emanzipation, gleichberechtigung und akzeptanz. wie jedes jahr, nunmehr seit 17 jahren an unterschiedlichen orten.

einen csd habe ich mit damals mit meinem freund zusammen erlebt. kurz vor der trennung. den im jahr danach mit dem zweiten verlobten, aber trotzdem allein, weil der leider nicht viel davon hielt, selber für sich und seine rechte einzustehen. wir trennten uns dann auch. seitdem bin ich allein. ab und zu sexdates (in der letzten zeit kaum noch – über 40 und mit bauch, da hat man kaum chancen. oder ich bin grundlegend verkorkst, das kann auch sein).

und jedes mal fühle ich mich beim csd schrecklich allein. ich wäre gern mit jemandem zusammen, der das mit mir teilt. ich finde die demonstration unglaublich wichtig, deshalb halte ich das vermutlich auch jedes jahr aus, da alleine hin- und wieder wegzugehen. ich weiß, dass ich optisch mit den meisten männern* dort nicht mithalten kann. ich bin nicht klassisch gutaussehend, nicht ansprechend, nicht dem-entsprechend. sondern in der tat habe ich einen körper, der trotz des vielen sports und der versuche einer entsprechenden ernährung immer unförmig aussieht. und das scheint das zu sein, was zählt. oder ich verstehe nicht, was zählt. freundlich und offen zu sein, engagiert und politisch, intelligent und zugewandt –  das scheint es nicht zu sein. und letztlich werde ich morgen wieder allein sein unter dem regenbogen und alleine von dort wieder weggehen. und dass es seit 14 jahren so geht, macht mir angst. ich weiß nicht, wie lange ich diese einsamkeit noch aushalten kann.

welche welt?

diese frage stelle ich mir in den letzten tagen wieder vermehrt. welche welt ist das, in der es sich-findende und sich-gefunden-habende schwule pärchen gibt, die jetzt zuhauf wieder in irgendwelchen artikelchen zur eheöffnung auftauchen. meistens sind das junge, gutaussehende (also vor allem sehr selten: dicke) männer, die händchen halten und knutschen. und glücklich aussehen. mich irritieren diese bilder.

ich lebe in einer relativ großen stadt. es gibt hier kaum so etwas wie “szene” im klassischen sinne. klar, man kann cruisen gehen oder auf partys, die nach mitternacht anfangen. für leute mit meinem arbeitspensum eher ungeeignet. und ich finde die meisten dieser partys superöde. in meinem privaten leben, das durchaus mit vielen menschen zu tun hat, scheine ich bisher niemand besonders gefallen zu haben. und die, die mir gefallen haben, waren entweder vergeben oder haben sich was besseres – das ist nicht besonders schwer – geangelt.

und trotzdem will ich den gedanken nicht aufgeben, dass man sich doch irgendwie auch einfach so kennenlernen kann. sich interessant finden kann. das geht scheinbar immer nur anderen leuten so, ich scheine offensichtlich vollkommen uninteressant, nicht begehrenswert und sowieso nicht als jemand wahrgenommen zu werden, den man kennenlernen will (nur wenn es im leben schwierigkeiten gibt. da bin ich auf einmal sehr gefragt. bis die vorbei sind)

was mich am meisten irritiert und auch verletzt, ist, dass die scheinbaren optionen wie gayromeo und co. so wenig möglichkeiten des eigentlichen kennenlernens anbieten. der umgang dort ist – und wenn man, wie ich, darauf angewiesen ist, weil es keine angebote für schwule männer über 40 gibt, außer man ist ein “bär” oder sowas – nicht schön. das, was ich mir wünsche – einen mann an meiner seite, der interesse an mir hat, respektvollen umgang wichtig findet und mit dem es möglich ist, eine beziehung, liebe und vertrauen aufzubauen – ist dort nicht möglich. und es ist ja auch kein wunder, wenn die dritte frage die nach den chwanzbildern ist und man vom anderen nach sexuellen vorlieben aber nicht nach seinem namen gefragt wird. die anonymität macht zudem einen freundlichen umgang für viele überflüssig. neben nicht eingehaltenen verabredungen, offensichtlichen lügen und ziemlich viel rassismus, erlebe ich dort oft beschimpfungen.  ich sei ein fettes schwein, ekelerregend hässlich usf.

und dann frage ich mich, wenn ich wieder diese bildchen sehe, wo zwei männer einfach händchen halten, ob die sich auch so kennengelernt haben. mit schwanzbildern und ewigem abgechecke und respektlosem umgang. oder ob es tatsächlich auch leute gibt, die einfach interesse an anderen menschen haben und sich einlassen können, auf mehr als nur ein set an sexuellen vorlieben.

ich habe die hoffnung schon lange aufgegeben, auch wenn die sehnsuch nach wie vor sehr groß ist. und irgendwann logge ich mich wieder ein bei irgendeiner blauen seite um einmal mehr die erfahrung zu machen, dass ich offensichtlich für andere männer uninteressant bis vollkommen wertlos bin.

ja!

es scheint beinah geschafft: bald dürfen auch nicht-heterosexuelle leute heiraten. politisch ein großer erfolg. persönlich hat es mit mir nicht viel zu tun, weil zu mir seit über 14 jahren keiner “ja” gesagt hat. und sich das offenbar auch nicht ändert. manchmal ist es kompliziert, immer solidarisch mit anderen zu sein und am ende doch jedes mal alleine zu bleiben.

zusammenfassung…

… des 48h-versuches, auf gayromeo, grindr und scruff eine sexuelle begegnung zu initiieren. ergebnis: ich wurde gar nicht aktiv angeschrieben. ich habe sehr viele leute angeschrieben, altersmäßig, körpermäßig etc. sehr gemischt. ich hatte wirklich einfach lust auf ein nettes sexdate. ca. 10% der leute, die ich angeschrieben habe, reagierten. ich wurde mehrfach angepöbelt – ich sei fett und widerlich. zwei typen hatten mehr interesse, haben sich dann aber nicht mehr gemeldet. als ich nachfragte hat der eine nicht mehr reagiert, der andere meinte, er habe “was besseres” gefunden.

aber natürlich: es liegt alles nur an mir. an meiner ausstrahlung. dass ich negativ über mich selber denke. was ja überhaupt keinen anlasse hat – mich wollen ja eigentlich alle, ich bin nur zu dumm, das richtig anzustellen. oder was auch immer.

es gibt…

… so viele attraktive, lustige, spannende, schöne, begehrenswerte typen. kein wunder, dass sich keiner für mich interessiert. (und ja, ich weiß, ich habe sowieso kein recht darauf, dass mich jemand liebt. ich hab das inzwischen verstanden)

ich möchte

nicht mehr alleine sein. ich möchte zu zweit sein. zu mehreren sein. verbunden, aufgehoben, geliebt und geborgen sein. warum will das nur nie jemand mit mir sein? was ist so schrecklich an mir? was ist so falsch an mir? was wiegt das schöne und gute an mir offensichtlich so ungemein ins negative auf, dass keiner interesse an mir hat? und welchen sinn hat es dann überhaupt noch?

du bist eben doch allein

ich treffe einige freund*innen. es ist ein schönes treffen. wir unterhalten uns gut und es ist entspannt und fröhlich. irgendwann kommt das gespräch auf beziehungen. alle außer mir leben in einer. ich fühle mich komisch. kann wieder einmal nichts beitragen. höre natürlich zu, bin parteiisch erschüttert oder erfreut. aber einer bestimmten uhrzeit merkbare aufbruchstimmung. ich frage, warum – alle sind noch mit den liebsten verabredet. zum filmschauen. außer mir. ich habe keinen liebsten.

vor ein paar tagen beim sport. ein pärchen ist zusammen da. sie sind emotional  beieinander. unterstützen sich. besprechen wichtiges. trainieren zusammen. freuen sich offensichtlich über die gemeinsame zeit. feuern sich an. wertschätzen sich füreinander. ich merke, dass ich kurz vorm weinen bin. welch ein glück muss das sein, wenn einen ein mensch liebt?

14 jahre sind eine lange zeit. und anstatt dass ich mit einem liebsten gemeinsam etwas schönes mache, sitze ich alleine rum, unterwegs von hier nach da. einige sagen, dass ich das ausstrahle. die einsamkeit. dass das leute abschreckt. wirklich – also wieder alles nur meine schuld? da draußen wartet ein ganzes heer von leuten, die sich für mich interessieren und ich müsste nur ein bisschen an meiner inneren einstellung arbeiten und dann würde es klappen? andere sagen, ich müsse eben lernen, die dinge, die ich gern zu zweit tun würde, alleine zu tun und schön zu finden. kann man sich alleine körperliche nähe geben? wärme, geborgenheit? kann man alleine schöne gemeinsame momente erleben, solche, an die man sich gern wieder erinnert? kann man alleine nicht alleine sein? ich halte das für wenig realistisch.

letztlich scheint es sowieso wenig bedeutung zu haben. ich schreibe meine trauer in ein textfeld. wer sonst sollte sich das noch anhören wollen?