siebenjahreeinsamkeit

(ein)sichten aus der schwulen diaspora

nur geträumt

vor ein paar nächten träumte ich. es waren zwei situationen, beide handelten davon, dass ich mit einem anderen mann (es war beide male der gleiche) zusammen unterwegs war und er mir – ganz körperlich – halt gegeben hat. diese situationen waren so voller glück, so unabdingbar, unhintergehbar, nahezu “pur”, dass ich sie nicht in worten beschreiben kann. dieses gefühl, körperlich aufgefangen zu sein, ließ mich nahezu taumeln und ich habe dabei geweint, als ich aus dem traum erwachte.

nun ist es keine frage, das zu verstehen. ich erlebe das überhaupt nicht in meinem leben, dass jemand mir körperlich – nicht zwingend sexuell – auf diese art nahe ist. es gibt keine menschen, die mich halten oder von mir gehalten sein wollen, zumindest keine, die ich in irgendeiner form verlässlich oft sehe. je länger ich mich mit mir und meinen bedürfnissen, meiner biografie und meinem leben auseinandersetze, desto klarer wird mir, dass das ein sehr altes thema in meinem leben ist. meinen körper als etwas zu begreifen, das auch einen positiven aspekt beinhaltet, ist für mich ausnehmend schwierig. ich bin mit meinem körper nicht besonders gut befreundet, es ist eher eine art zweckbündnis. wenn ich ihm einigermaßen verlässlich gebe, was er braucht, habe ich selten schmerzen. sport ist ein kompromiss, schöner werde ich dadurch irgendwie nicht, aber zumindest fühle ich mich an manchen tagen gerade und irgendwie okay.

ich habe dann dieses gefühl aus dem traum in beziehung zu dem gesetzt, was ich bei gayromeo und grindr undsoweiter erlebe. dort sind die gespräche ja überwiegend verletzend, abwertend, beschämend. selbst die, bei denen sexuelle kontakte möglich scheinen, laufen meistens abschätzend, prüfend und lauernd. so etwas wie sich auseinanderzusetzen, sich kennenzulernen, etwas gemeinsames zu entwickeln, selbst wenn es flüchtig ist, gelingt kaum. nur nicht zu viel reden, ja keine forderungen haben, nicht kompliziert erscheinen. immer zu allem bereit. fotos aus allen winkeln, insbesondere des genitalbereiches, sind voraussetzung.

nun kann man das relativ einfach damit erklären, dass schwule männer eben auch opfer gesellschaftlicher verhältnisse sind, die sie unterdrücken und beschämen und dass das natürlich auf jeden einzelnen menschen einwirkt. die erfahrung, in einer gesellschaft zu leben, die einem feindlich gegenübersteht, führt meistens eher nicht zu einer auseinandersetzung oder zu solidarität sondern zu selbst- und dann fremdabwertung. und die kann man eben besonders gut an gleichsam ebenfalls “schwachen” anderen ausleben – andere schwule männer eignen sich besonders gut. offensichtlich. das ist schade, denn in dieser situation liegt auch ein potential der entwicklung. und zwar eins, das vor allem einer gemeinsamen bearbeitung zugänglich wäre. sich klar zu werden, dass man gemeinsam die gleichen strukturellen herrschaftsformen erleiden muss und dass es kaum möglich ist, denen als einzelner was entgegenzusetzen, erfordert kommunikation, bewusstsein und offenheit. vermutlich auch verletzlichkeit. und ich glaube, genau die könnte dann auch zu wirklichen begegnungen führen. fraglich ist, wo man räume dafür schaffen kann. gayromeo und co sind es auf keinen fall.

vom öffentlich sein

heute fand ich in meiner facebooktimeline die nachricht, dass jim parsons seinen langjährigen lebensgefährten geheiratet habe. ebenso tauchen dort immer wieder unterschiedliche andere nachrichten dieser art auf: von tom dayley, der sich outete, von anderen promis, die homosexuell leben, den schritt in die öffentlichkeit gehen und/oder ihre beziehungspartner*innen heiraten oder so etwas in der art.

an sich sind das schöne geschichten. wichtige geschichten. dass schwul- oder lesbischsein zunehmend auch etwas ist, das im gesellschaftlichen raum und mit partnerschaften verbunden gedacht und wahrgenommen wird. also politisch bin ich erfreut. persönlich trifft es mich jedes mal: mich hat beim comingout kein partner unterstützt, weil ich keinen hatte. auch später nicht. und auch heute nicht. ich kann auch nicht sagen, dass es einen menschen gibt, bei dem ich das gefühl habe, angekommen zu sein. mit dem ich jahrestage feiern kann. gemeinsame ereignisse. mit dem ich so viel zeit und nähe verbringe, mit dem es gegenseitige unterstützung gibt, einfach, weil es so ist. der interesse an meinem leben hat. daran, wie es mir geht. was ich mache. was gerade schön in meinem leben ist und was schwierig. der interesse an meinen entscheidungen hat. und der seine mit mir bespricht. der sich auseinandersetzt mit mir. der mit mir streitet und dann nicht einfach weg ist. sondern wiederkommt.

ich werde gar nicht wahrgenommen als jemand, mit dem zeit verbringen möchte. außer, es geht darum, etwas zu bearbeiten. zu besprechen. ein problem zu lösen. aber dass mich jemand als interessant, attraktiv resp. begehrenswert und liebenswert verstanden, wahrgenommen oder gar (!) bezeichnet hat – das ist viele viele jahre her.

wozu

bin ich überhaupt (noch) da?

guten tag einsamkeit

einsamkeit ist ein schwieriges gefühl. es ist schambesetzt, voller peinlichkeit, etwas, das man eigentlich nicht haben, nicht fühlen soll. es verweist in seiner gänze darauf, scheinbar sozial nicht ausreichend eingebunden zu sein. einsamkeit ist ein isolierendes gefühl, ein emotionales perpetuum mobile, eine spirale, etwas, das sich immer wieder verstärkt, verdichtet, sich wie eine wand vor mich stellt. gerade in so einer zeit wie jetzt, die von erheblichen umbrüchen gekennzeichnet ist, wird deutlich, wie sehr es keinen ort in meinem leben gibt, an dem ich mich zugehörig fühle, kaum einen menschen, bei dem ich mich aufgehoben und im positiven sinne integriert wahrnehme. ich bin, eine quintessenz von 41 jahren, einmal mehr auf mich gestellt. darauf, dass ich jede entscheidung eben alleine treffen muss.

vor ein paar tagen hatte ich ein date mit einem sicherlich netten typen, vielleicht hieß er maik oder mario, in dessen gegenwart ich mich unendlich einsam gefühlt habe. wir hatten uns nichts viel zu sagen, der sex war belanglos und nicht besonders gut, ein ritualisiertes abarbeiten von bedürfnissen, ich hätte weinen können, so durchtränkt war diese ganze situation von der unmöglichkeit, wenigstens einen kurzen moment von gemeinsamkeit, verbundenheit oder zusammensein herzustellen. es blieb, zumindest für mich, eine situation, in der ich gänzlich unverbunden sexuelle handlungen mit einer anderen person vornahm, die aber komplett bedeutungslos blieben, weil sie ohne jedes gefühl von gegenseitigem interesse abliefen. hinterher flüchtete ich, voller scham und abwehr.

ich ging in die muckibude, um ein wenig ablenkung zu bekommen und war auch dort einsam zwischen all den menschen, die voller energie versuchten, ihren körper noch besser, noch glatter, fester, optimaler und definierter zu machen. ich bin sehr anfällig für diese situationen, in denen ich mich selber nicht wertschätzen kann. mir wurde klar, dass meine zeit vorbei ist. ich hatte zwar nie einen besonders schönen körper aber die erkenntnis, dass ich vor allem niemals schön, attraktiv und begehrenswert sein würde, überrollte mich förmlich zwischen butterfly-maschine und kabelzug. mein körper hat nicht die jugendliche form gehabt, das geforderte aussehen, das in den schwulen kontexten so wichtig ist. er ist im unteren unterdurchschnitt, faltig und speckig, mit narben und hautrissen. er strahlt keine virilität aus, das scheint mir generell nicht gegeben zu sein, sondern wirkt, trotz meiner unablässigen bemühungen, ihn straff und geformt zu halten, scheinbar auf die meisten menschen uninteressant oder abstoßend. das ist tatsächlich ein problem, weil ich natürlich auch körperliche und emotionale bedürfnisse haben, die an andere menschen gekoppelt sind. scheinbar sind aber bestimmte körperformen mehr oder unabdingbar, um überhaupt noch bei diesem zirkus mitspielen zu können. und natürlich hatte maikmario in irgendeiner form interesse an mir, aber es wirkte nicht so, dass sein interesse mir galt sondern vielmehr dem befriedigen des sexuellen. ich finde das legitim, es macht nur die sache nicht einfacher oder besser.

und damit bleibt die frage, ob dann mit anfang 40 alles vorbei ist. ob es nicht mehr möglich ist, jemanden kennenzulernen, der mehr interesse an mir entwickelt als eine unterbrechung seiner eigenen einsamkeit, einen neuen schwanz, eine andere performance. egal woran es liegt, die einsamkeit ist an manchen tagen so schmerzhaft, dass ich nicht denken kann, weil sie mich verspannt, meinen kopf in eine schraubzwinge nimmt, mich lähmt. wenn mich vor 10 oder 20 jahren jemand gefragt hätte, wie ich mir mein leben vorstelle, dann wäre ich niemals auf die idee gekommen, dass ich das, was heute ist, als ergebnis präsentieren müsste: ein leben, in dem ich seit weit über einem jahrzehnt keine partnerschaft erlebe, in dem sexualität ein organisatorischer aufwand mit zum teil großen demütigungen ist (wer grindr nutzt, weiß, was ich meine), in dem es wenig anker und viel meer gibt. ich habe immer gedacht, dass ich so schlecht nicht sein könnte, dass sich vielleicht auch jemand für mich, als mensch, interessieren könnte. sich nach mir sehnen würde. sich auf mich freuen würde. scheinbar bin ich nicht wertvoll genug, um das zu sein.

 

die schwule wunde

in etwa heute vor 27 jahren habe ich das erste mal einem anderen menschen erzählt, dass ich glaube, dass ich auf – damals noch – jungs stehe. es war eine schwierige situation, eine komplizierte zeit. damals war mir noch nicht klar, welche konsequenzen diese einsicht für mein weiteres leben haben würde. sie hatte immense konsequenzen. aus der tatsache, schwul zu sein, sind zentrale biografische entscheidungen und extrem bedeutsame einsichten in meinem leben entstanden. meine sicht auf die und mein nachdenken über die welt ist fundamental geprägt von der erkenntnis, dass eine eigenschaft, die als abweichung von der “normalität” wahrgenommen wird, zu sozialer ungleichbehandlung führt.

diese ungleichbehandlung habe ich sattsam in meinem leben erfahren, sowohl durch meine markierung als schwuler mann in einer heternormativen gesellschaft aber auch im kontext der schwulen gemeinschaft dadurch, dass ich niemals den dort herrschenden schönheitsidealen entsprach. ich weiß, was körperliche gewalt gegen schwule durch nazis bedeutet, wie ich mobbing und ausschluss anfühlt und wie es ist, wenn man immer wieder auf neue damit umgehen muss, seine eigene positionierung als schwul zu markieren und sich damit verletzlich und angreifbar zu machen. ich weiß, was es heißt, auf parties der zu sein, der alleine nach hause geht (das war nie anders), der im internet keine sexdates findet und der immer als “guter freund” aber nie als jemand, der als erotisch oder emotional attraktiv gesehen wird. ich habe, obwohl ich immer ein sehr sozialer und kommunikativer mensch war und bin, freunde verloren, als ich in phasen gekommen bin, in denen es mir schlecht ging. scheinbar bin ich für viele nur wertvoll, wenn ich nützlich bin, nicht aber, wenn ich selber subvention brauche, wenn es mir nicht gut geht. das hat mich sehr verletzt und vielleicht auch vorsichtiger werden lassen.

ich erlebe selten, eigentlich fast nie, dass ein anderer mann emotionales, erotisches und/oder sexuelles interesse an mir artikuliert. oft ist das gegenteil der fall. in den “dating”apps werde ich häufig beleidigt. mein bmi liegt mit irgendwas zwischen 27 und 28 vermutlich schon zu weit über dem, was als akzeptabel gilt. an so was wie geistige verbundenheit, gemeinsame interessen, geteilte werte und inhalte mag ich inzwischen nicht mehr glauben. das, was ich mir damals vor 27 jahren vorgestellt habe, als ich das erste mal darüber sprach, dass ich schwul bin, war wohl eher naiv. ich dachte: ich lerne irgendwann jemanden kennen, wir verlieben uns und beginnen etwas gemeinsames zu entwickeln. eine lebensperspektive. eine beziehung. etwas, das trägt und auch konflikte, stürme und veränderungen aushält. etwas, in dem auch für mich momente des ausruhens, eine schulter zum ab und zu mal anlehnen vorhanden wären. es ist nie passiert. das mit der schulter kann ich gut für andere. ich unterstütze bis heute immer wieder junge lgbttiq-leute, wenn sie im coming-out unterwegs sind. ich bin ansprechbar für menschen, die mir nahe stehen. ich versuche das, was ich wertvoll in der welt finde, zu leben, auch wenn es mich oft sehr viel zeit und energie kostet. meine akkus scheinen dabei selten eine rolle zu spielen.

meine schwule wunde. das erleben, immer wieder nicht nur nicht wahrgenommen, sondern deutlich abgelehnt zu werden. als ganzer mensch vollkommen bedeutungslos zu sein. und damit letztlich ein leben zu führen, das ich nie wollte, mit viel einsamkeit und tränen im kopfkissen anstatt gemeinsam erlebten momenten und geteilter freude. ob es sich dafür wirklich lohnt?

 

wenn ich sex haben möchte, ist das ein schwieriges unterfangen. orte wie schwule saunen und cruising im park entsprechen mir nicht, so dass mir entweder die einschlägigen tanzveranstaltungen oder die diversen onlineplattformen bleiben. ersteres ist, wenn man nicht gerade auf leder und bären steht, für jemand über 25 (und damit meine ich alter und/oder bmi) aussichtslos. man kann sich natürlich bis zum schluss auf so einer party aufhalten und hoffen, dass man als restefick herhalten kann, dazu muss man aber auch viel von der eigenen würde verloren haben. und zeit haben auch.

bei gayromeo und konsorten braucht man vor allem drei sachen: geduld, ausnehmend gute nerven und kaltschnäuzigkeit (es gilt dabei auch wieder die einschränkung mit alter und bmi. ein freund von mir ist 22, blond und schlank und hatte in den letzten drei tagen mehr sexuelle kontakte als ich in den letzten zwei jahren).

grindr ist eigentlich einfach: man muss auf jeden fall mindestens fünf komplettnacktbilder mit pimmel drauf haben, um überhaupt irgendwie als potentieller fuckbuddy interessant zu sein. kennenlernen und reden lieber nicht. auch ist wichtig, dass man neben muskeln (viel) und körperfett (wenig) über eine überdurchschnittliche genitale ausstattung verfügt. natürlich muss man immer bereit sein und alle positionen und spielarten wie aus dem ff beherrschen und toll finden. das sind die mindeststandards, die es zu erfüllen gilt, um überhaupt mitspielen zu dürfen.

gayromeo ist so ähnlich, nur mit ein bisschen mehr drumherum. auch hier gilt es offensichtlich, seine fuckability im vorfeld zu beweisen. dass sex etwas ist, dass zwischen menschen entsteht, in situationen, die mit diesen menschen zu tun haben, scheint entweder eine besonders perverse orientierung zu sein, die neben mir nur sehr wenig menschen spannend finden oder das portal gibt es nicht her. auf jeden fall verbraucht man unglaublich viel zeit, muss sich mit viel unzuverlässigkeit und hierarchischer und schlechter kommunikation auseinandersetzen und es läuft am ende – bei vielen, nehme ich an, nichts.

freunde* von mir sagen mir an der stelle immer gern, dass ich die falsche einstellung habe. ich solle doch entspannt damit umgehen, keinen sex und seit 14 jahren keine bezienung zu haben. andere hätten das auch und denen würde es nicht so schlecht damit gehen, was ja der beweis dafür ist, dass es natürlich nur an meiner einstellung liegt, dass es mir nicht gut geht. da mag was dran sein und ich teile diese haltung für viele andere lebensbereiche. wenn jemand anders statt meiner einen job kriegt, wenn ich nicht die ergebnisse beim sport oder in einem test erziele, dann ist es vielleicht wirklich sinnvoll, an der haltung zu arbeiten. wenn es aber um ein grundbedürfnis – sexualität, körperliche nähe, seelische nähe, zugehörigkeit – geht, dann kriegt das schnell eine problematische perspektive. und es tut mir weh, weil ich in den momenten, in denen ich darüber rede, meistens eher unterstützung brauchen würde und nicht härte. dass so eine perspektive in der regel von menschen eingenommen wird, die selber in einer beziehung sind, die sexuelle kontakte haben, liegt auf der hand.

die frage ist, was zu tun wäre. so habe ich mir mein leben nicht vorgestellt. und so will ich es auch nicht leben. ich will nicht immer allein sein, immer hoffen müssen, dass sich vielleicht mal einer findet, der ausnahmsweise bock auf sex mit mir hat (wie gnädig! danke!). ich möchte auch gern mit jemandem zusammen sein, etwas schaffen, zukunft gestalten und nähe spüren.

aber: wenn es so weiter geht, dann wird es wohl nie passieren.

 

nightmare before christmas

vor weihnachten ist es immer besonders schlimm. weihnachten ist ja quasi die zeit, in der alle ihre freund*innen und familien und so weiter wiedersehen und sich daran freuen. hast du weder einen partner noch eine eigene familie, bist du aufgeschmissen. die engen freunde geben mehr oder weniger deutlich zu verstehen, dass sie keine zeit haben. ist ja so viel anderes los. so viele leute. ereignisse. anlässe.

ich denke dann, dass ich das verstehen kann. wer will schon zeit mit einem verbringen, für den weihnachten ein fest voller angst und stress ist? der womöglich darüber reden will? einsamkeit stinkt. das war schon immer so und diese erfahrung mache ich jetzt auch wieder. besser nicht mehr nachfragen.

vor ein paar tagen habe ich geträumt, ich wäre schön. ein sportler. einer, an dem keine überschüssigen fettabteilungen am körper sind. der attratkiv und begehrenswert ist und begehrt wird. der von jemandem geliebt wird. der körperlichkeit und sexualität ausleben kann, weil er nicht permanent abgelehnt, zurückgewiesen oder missachtet wird. es hat sich schön angefühlt. so befreit. als ich aufgewacht bin, habe ich noch drei sekunden gedacht, es wäre wahr. danach musste ich realisieren, dass ich immer noch der bin, der ich immer bin: zu fett, unattraktiv, ungeliebt, unbeschlafen. mein körper wird keine nennenswerten veränderungen mehr durchstehen. es ist vermutlich einfach vorbei mit der realisierung des wunsches danach, mit jemand zusammenzusein. denn: auf alles andere an mir scheint sich erst recht niemand einlassen zu wollen. so weit geht es ja nicht.

ich erwarte keine fulminanten interessensbekundungen. ein bisschen klar sagen muss man mir schon, dass man mich interessant findet, ich kann das inzwischen nicht mehr so recht glauben. und nein, ich kann es auch nicht “aus mir” herstellen. körperliche geborgenheit kann man nicht alleine machen. ich kann das an vielen anderen punkten. also das, was ich brauche, herstellen und mich mit dem versorgen, was mir wichtig ist. ich kann alleine leben, ich mache das schon so lange. ich kann auf mich aufpassen. aber das, was dir eine ehrliche umarmung, eine stunde kuscheln oder so geben kann, das kannst du nicht selber produzieren. und wenn du so bist, dass das keiner will, dann wird es eng. und ich weiß, wovon ich rede. und dann geht es eben auch nicht, einfach körperliches selbstvertrauen zu haben. wenn die spiegelung immer ist “du bist vielleicht nett, aber leider… naja, ich stehe halt auf andere typen” oder auch “nimm halt 30 kilo ab, dann sehen wir weiter” – wie soll das positiv wirksam sein?

weihnachten wird wieder ein einsames fest werden. nicht, dass ich das nicht kennen würde. ich wünsche mir sehr, mir mit jemand eine gemeinsame weihnachtstradition auszudenken. ein ritual zu erfinden für diese zeit. etwas zu entwickeln, das durch die zeit trägt, erinnerungen aufbewahrt. aber für einen alleine – das lohnt nicht. warum sollte mir daran gelegen sein, auch noch permanent an mein eigenes versagen erinnert zu werden?

einen schönen dritten advent übrigens. irgendwie werde ich auch den überstehen

 

montagblues

mein comingout war kein einfaches. vermutlich teile ich diese erfahrung mit vielen schwulen männern meiner generation und meiner sozialen herkunft. am land in einem dörfchen lebend, organisierte sich unser leben komplett durch die kirchengemeinde. zu meinen frühesten kindheitserinnerungen gehören alte frauen, die über den herrn jesus erzählten, der alles sehe, kirchenlieder und bedrohliche pfarrer, die von gericht, verderben und ewiger verdammnis predigten. unser alltag war strukturiert durch liturgische handlungen: morgens zusammen in der bibel lesen, tischgebete, geistliche lieder. abends die pietistische gewissenserforschung. die struktur ist simpel: alles gute kommt von gott, alles schlechte vom menschen, also mir. für das gute ist dankbarkeitgegenüber gott angezeigt, für das schlechte (zum beispiel: eigensinn, wollust, faulheit, müßinggang, schlechte gedanken, zweifel….) demut, die bitte um vergebung. leugnen war zwecklos, weil der her jesus ja eben alles sehe und situativ wegen mir weinen musste oder wütend wurde. ich kenne die vorstellung eines strafenden gottes, der seine kinder – und so eines musste man unbedingt sein, sonst war die hölle sicher – auch mit strafen daran erinnerte, den rechten weg nicht zu verlassen oder auf denselben schleunigst zurückzukehren.

die praxis pietatis als seelenformungstechnik habe ich – konzeptionell – erst sehr viel später in meinem leben begreifen gelernt, erfahren hab ich sie, seit ich denken kann. der pietistische protestantismus meines elternhaus war kein besonders fröhliches christentum. bis heute reflektiere ich mein handeln und fühlen in überdimensioniertem ausmaß und kann schwer davon loslassen, auch wenn die bezugsgröße nicht mehr irgendeine form von gottevorstellung ist. früh eingeübt sind arbeitsethos, lustfeindlichkeit und die ewige gewissheit, niemals sicher zu sein, ob die rettung vor dem bösen denn nun auch realisiert worden sei.

in der gemeinde war ich ein aktiver jugendlicher. ich habe so ziemlich alles mitgemacht, geleitet, unterstützt und besucht, was es dort gab. die alternativen am land sind minimal. fußballverein, rotkreuz und feuerwehr standen zur auswahl. alle meine freunde und die freunde meiner eltern waren in der gemeinde, sie war soziales wie geistiges zentrum, vermittelte werte aber auch geborgenheit, bedeutsamkeit und sicherheit – etwas, das es in meiner kernfamilie niemals gab.

meine pubertät begann in einem kleinstadtgymnasium, miefig und konservativ. ich war schnell als außenseiter markiert, weniger weil ich mich besonders auffällig verhalten hätte, sondern weil ich ein guter schüler war und mich die literarischen und geistes- und sozialwissenschaftlichen fächer mehr interessierten als der sportunterricht. ich war per se kein sportlicher jugendlicher, ballspiele machten mir angst, meine koordination war eher übersichtlich und das, was in diesen stunden von vielen als aufregend und spannend erlebt wurde – wettkampf, schnell und stark sein, körpertechnik – war mir fremd, blieb mir äußerlich und ich konnte dem nichts abgewöhnen. entsprechend war mir kein platz in der einflussreichen riege der coolen jungs zugedacht, die schnell die regeln des zusammenseins in unserer klasse beherrschten.

meine geistige pubertät begann in der hinwendung zu einer freikirchlichen gemeinde, hin zu noch strengeren lebens- und glaubensregeln, verpackt in bunten liedern, modernen gottesdienstformen und dem versprechen des wahren christentums, lebendig gehalten durch die taufe mit dem heiligen geist. quasi eine überwindung des starren pietistischen glaubens, freilich nur auf der vorderbühne.

mit 12 jahren bemerkte ich zum ersten mal, dass mich andere jungen interessierten. es war kein direktes sexuelles erleben, wir hatten nach den 10. klassen sport und einmal überschnitt sich die belegung der umkleiden. ich sah einige von den “großen” unter der dusche und spürte eine seltsame faszination, wie sie vielleicht nur von erotischen gefühlen ausgehen kann. “schwul” kannte ich nur als schimpfwort, es hatte mit meinem erleben nichts zu tun, außerdem war für mich völlig klar, dass gott menschen so gemacht hätte, dass sie als mann und frau zusammenlebten. es hat bis in meine frühen 20er gedauert, diese vorstellungen zu verlassen und mein eigenes begehren zulassen zu können, dieses begehren, für das es keinen raum gab in der welt, in der ich aufwuchs. nicht in der familie, nicht in der gemeinde, nicht in der schule. homosexualität war ein verbot, der gedanke daran sünde. wenn ich erektionen beim gedanken an andere jungen bekam, erschrak ich, fühlte mich schuldig, falsch und gottlos. es hat zunächst eine weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass ich anderen jungen resp. männern auch körperlich und sexuell nah sein wollte. und dann hat es sehr lange gedauert, bis ich diese gefühle zulassen konnte, ohne dass ich mich dafür schlecht zu fühlen hatte. gott sei dank. oder seinem bodenpersonal. man weiß es nicht.

das bedeutete: in der einer zentralen phase sexueller entwicklung und emotionalen lernens hatte ich keine gelegenheit dazu. ich konnte mit 15 keine ersten erfahrungen mit männern sammeln (zudem: woher nehmen?), nicht das gefühl von begehren und begehrt werden entdecken. dazu kam, dass ich auch als jugendlicher nie in den top ten der großen schönheiten vertreten war. meine stärken liegen woanders. eine konstellation, die mir bis heute große probleme macht. denn obwohl ich sehr viel sport mache und trainiere und mich bemühe, sehe ich nicht besonders danach aus. ich erfülle weder das kriterium schlank noch definiert. ich bin eher massiv. offensichtlich etwas, das quasi keine nachfrage hat. mein körper ist eigensinnig. er widersetzt sich dem bemühen, annehmbar für die augen und das begehren anderer zu sein. vielleicht schlechte gene. oder eben einmal mehr: halt pech gehabt. es gibt ja kein recht auf gelebte sexualität. oder gar liebe

und heute? heute lebe ich nun nach einem harten comingout und fast 20 jahren schwulenpolitischer arbeit nahezu ausschließlich allein. die protestantische leistungsidee hat mich also angelogen: man kriegt nicht unbedingt was gutes zurück, wenn man sich bemüht. einige sehen einfach so gut aus. oder sind einfach so, dass andere sind spannend finden. eigentlich die meisten leute, die ich kenne – kaum jemand berichtet von so langen phasen des alleinseins, der erzwungenen enthaltsamkeit.

in meinem leben gab es mehrere männer, einem ersten erinnern nach sind es sieben, in die ich mich wirklich verliebt habe. so, dass es weh tat. keiner von ihnen hat sich für mich entschieden. einige haben mit mir gespielt. einige haben sich abgewandt. das waren jedes mal sehr schlimme erfahrungen, denen keine guten entgegen stehen. und ich finde, es wäre jetzt wirklich einmal an der zeit für eine gute erfahrung.

we are shadows

morgen ist geburtstag. ein jahr, jedes mal eine zäsur, eine erinnerung an das wünschen. zöge ich bilanz, sie fiele ambivalent aus. beruflich wunderbar. auf der ebene von freundschaften passierten im letzten jahr erfreuliche (wieder)begegnungen, dass ich immer noch fasziniert und gleichzeitig ungläubig bin, dass sie einfach da waren und sind.

schaue ich dahin, wo es um liebe, nähe, um sexualität und körperliche geborgenheit geht, sehe ich nicht mehr als ein schwarzes loch. die wenigen dates, die ich hatte, waren desaströs und verletzend. ich gebe mir immer viel mühe, wenn ich mich mit jemandem verabrede, den ich noch nicht kenne – egal, ob zum sex oder zum kaffee. scheinbar bin ich damit eher eine ausnahmeerscheinung. ich traf auf einen menschen, der seit zwei wochen keine dusche benutzt hatte, einen, der so voll drogen war, dass er kaum geradeaus laufen konnte. einmal wurde mir bedeutet, dass “fette typen wie du” gar nicht gehen und einmal stand ich buchstäblich vor einer verschlossenen haustür und durfte nicht rein. wie paradigmatisch dieses bild doch ist. und egal, welche erklärungsmodelle es gibt und ob das jetzt was mit zu tun hat oder nicht: ich merke, wie sehr mich diese gesamtsituation verletzt. und wie wenig ich scheinbar daran ändern kann. denn letztlich ist die botschaft doch jedes mal – auch, wenn ich mit anderen leuten darüber rede: ratlosigkeit und irgendwie müsste ich eben doch was an mir ändern. scheinbar sind die anderen schwulen männer also in weiten teilen ziemlich cool und wenn ich endlich nur passfähig genug bin, dann würde ich auch einen abkriegen. super.

in meiner sozialen umgebung haben alle leute mehr oder weniger regelmäßig sex. viele von den schwulen leuten finden ihn über gayromeo oder artverwandtes. ich erlebe dort: keine resonanz sondern ignoranz. ich werde nicht nur übersehen sondern abgelehnt. und zwar seit jahren. vielleicht ist die schärfe dieser erfahrung nicht mit-teilbar. es ist nicht nur das alleinsein, das nicht-teilen können von erlebten, das am wochenende keine freund haben, weil alle in beziehungen sind. es ist auch ein in hohem ausmaß vorhandener mangel an körperlicher resonanz, der nicht kompensierbar ist. wenn es über so viele jahre nicht gelingt, körperliche nähe zu organisieren, weil man einfach in dauerschleife abgelehnt wird, nicht wahrgenommen, nicht begehrt, nicht für ausreichend attraktiv, interessant und wertvoll befunden wird, dann ist es kein gewinn, sein leben alleine zu meisten. das kann ich im übrigen, das ist nicht der punkt. aber ich habe wirklich keine lust mehr dazu. show me the meaning of being lonely.

vor einigen tagen war ich mit meiner kollegin unterwegs von einem termin nach hause. sie hatte es eilig, mann und kind zu sehen. sie würde am bahnhof abgeholt. mir fiel auf: es würde niemand merken, ob ich samstag, montag oder donnerstag nach hause kommen würde. es würde für keinen menschen einen unterschied machen. mein leben würde in keinem anderen leben einen unterschied machen. erst dann, wenn es um anwesenheit bei der arbeit ginge. dann würde es auffallen. nur: was dagegen tun? die liste meiner versuche ist lang. ich könnte ein instruktives buch darüber schreiben, wie man angeblich einen partner findet. ich habe so ziemlich alle varianten durch. und ich habe viele partnerfindungen erlebt. schön zu erleben, wenn andere das geschenk bekommen, das man selber nicht auspacken darf. und dann ist man erstmal abgeschrieben. verliebt und so, das verstehst du doch. hm, eigentlich nein, aber klar.

und so wird man für die meisten unsichtbar, zumindest so lange, bis jemand anderer zum reden gebraucht wird. dann darf ich wieder mitmachen, werde für einen kurzen moment aus der dritten reihe geholt, trete aus dem schatten. natürlich trifft das nicht auf die engen freunde zu. aber im weiteren umfeld ist es nichts anderes.

und dann bin ich unterwegs in der welt, sehe paare, menschen, die sich zugeneigt sind und manchmal möchte ich einfach weinen, weil es nicht auszuhalten ist. und klar, wer will denn schon einen menschen, der trauer um sich verspüren lässt. mensch, sei doch mal fröhlich! hab dich nicht so! wenn du immer so ernst bist, wird das nie was! lass dich nicht so gehen! jedem geht es mal schlecht! du musst dir schon ein bisschen mühe geben!

und irgendwann logge ich mich wieder irgendwo ein, schaue durch die profile, schreibe leute an und weiß schon, dass kaum jemand antwortet. oder gehe irgendwohin, wo schwule männer sind. und lerne keine kennen, weil keiner lust hat, sich auf mich einzulassen.

als ich mich vor über 13 jahren von meinem letzten freund getrennt habe, hätte ich nie gedacht, dass es so schwierig sein würde. klar. mein bmi ist nicht unter 20. aber der vieler meiner freunde auch nicht. und klar, ich habe eine meinung, einen standpunkt und grenzen. aber ich glaube, das haben alle menschen. oder die meisten. also scheint es etwas anderes zu sein.

letztlich ist es egal. genauso wie die frage, ob ich samstag oder montag oder donnerstag zurückkomme.

manchmal frage ich mich

und das meine ich ganz ernst: ich frage mich danach, warum ich das eigentlich alles mache. oder gemacht habe. das coming-out, was wirklich ein schwerer und harter weg war. ich habe keine liberale familie, ich komme richtig vom land und musste einiges einstecken. ich habe mir einen festen standpunkt dahingehend erkämpft, aber diesen kampf möchte ich nicht nochmal kämpfen.

dann die politische arbeit. die vielen termine. die konflikte in vorständen. die versuche, gelder zu finden, um die arbeit zu finanzieren. pressemitteilungen zu den unmöglichsten uhrzeiten. sitzungen in irgendwelchen vollkommen überflüssigen gremien. redebeiträge auf demos. vorträge. und so weiter. ich mache das an sich gern. und auch alles gern in meiner freiezeit. aber manchmal frage ich mich: warum? wozu?

sicher: ich habe einiges erreicht. viele verbesserungen. veränderungen. ich bin nicht unwirksam bei dem, was ich tue. menschen schätzen mich. als redner, schreiber, geldorganisierer, vorstand und vorgesetzten. und ohne meine eigene biographie könnte ich diese arbeit nicht machen. weil sie natürlich auch einen standpunkt braucht, der über “irgendwie gegen diskriminierung sein” hinausgeht.

und doch: selbst in dieser form des öffentlich-seins, diesen vielen sichtbaren momenten habe ich keinen anderen mann kennengelernt, der sich für mich interessiert. gestern war ich in einer größeren runde unterwegs. alle haben von ihren neuesten dates erzählt, wie schön und spannend. ich habe nicht dazugehört zu dieser runde. ich habe keine dates. weil sich keiner mit mir daten will. weil mir als mensch wohl niemand die menge interesse entgegenbringt, die es dafür braucht. es ist, als ob ich müde belächelt werde, wenn ich den versuch mache, jemanden zum kaffeetrinken einzuladen. klar, ich bin kein adonis. und nicht mehr 25. aber was muss man denn alles leisten, um als interessanter mensch wahrgenommen zu werden?

inzwischen gehe ich davon aus, dass ich den rest meines lebens ohne liebe verbringen muss (konservativ geschätzt noch etwa 39 jahre) es sei denn, ich kaufe sie mir ab und an für ein paar stunden. aber zu diesem schritt bin ich noch nicht bereit. das heißt: kein gemeinsames einschlafen, kein sex, keine umarmung, kein interesse an dem, was mir wichtig ist. so ist es jetzt schon weit über ein jahrzehnt. und ich wünsche es meinem ärgsten feind nicht, so leben zu müssen. zwischen parship, gayroyal und annoncen. zwischen zermürbenden chats mit sozial inkompatiblen menschen und irgendwelchen pimmelbildchen. zwischen der abendlichen einsamkeit und dem langsamen verstummen, wenn es um die eigene gefühlslage geht. mit der jedes mal aufs neue enttäuschten hoffnung, dass es dieses mal klappen könnte. (gut, einer gruppe wünsche ich das vielleicht schon: denen, die immer dieses “du musst dich nur selber lieben….”gewäsch absondern. ich kann es nicht mehr hören. und es ist einfach auch eine lüge).

aber natürlich gibt es auch lichtblicke: gestern habe ich ein sehr jjunges schwules paar gesehen. 16, 17 jahre vielleicht. öffentlich in der öffentlichkeit. das ist wirklich eine veränderung zu der zeit, in der ich groß geworden bin. eine, die mich glücklich macht.

frohe ostern.